Werbung

Nachricht vom 03.10.2020    

Buchtipp: „Wo Recht zu Unrecht wird“ von Thomas Schwarz

Von Helmi Tischler-Venter

30 Jahre nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten erinnert sich der Journalist Thomas Schwarz, der zum Zeitpunkt der friedlichen Revolution bei RTL arbeitete, an seine hatte Begegnungen mit der Staatssicherheit der DDR. Im Januar 2012 Schwarz Einsicht in seine Stasi-Akten beantragt, da er nach zwei Jahren noch nichts gehört hatte, entschied er sich, das Buch nur aus der Erinnerung heraus zu schreiben. Dabei beließ er es, als aus Berlin der Bescheid kam: „Die einsehbaren Unterlagen haben einen Umfang von ca. 670 Seiten.“

Buchtitel. Foto: Verlag

Dierdorf/Bonn. Den 9. November 1989 verbrachte Thomas Schwarz aufgeregt und wider Willen in einem Hotelzimmer in Frankfurt am Main, weil er eigentlich zwecks Reportage zu den NRW-Kulturtagen in Leipzig fahren wollte, aber im Bahnhof von Gerstungen an der innerdeutschen Grenze gestoppt und zurückgeschickt worden war. Ein Grund wurde ihm nicht gesagt, aber er ahnte, dass das Einreiseverbot in den jahrelangen Kontakten zu DDR-Menschenrechtsgruppen begründet war. So musste Schwarz wie fast alle Deutschen am Fernsehgerät die unglaublichen Vorgänge in der DDR verfolgen.

Schwaz wusste, dass die ständige Beobachtung und Verfolgung durch die Staatssicherheit zum DDR-Alltag gehörten, nicht nur für West-Journalisten, sondern auch und besonders für Menschenrechtler und Oppositionelle in der DDR und Ost-Berlin.

Der Autor, Jahrgang 1957, erlebte in seiner Schulzeit regelrechte politische Fraktionen und viele Debatten. Obwohl er zwei Jahre länger bis zum Abitur brauchte als üblich, ging er ausgesprochen gern zur Schule und vermisste sie nach dem Abitur regelrecht. „Es war die freieste Zeit meines Lebens.“

1979, als Schwarz Abitur machte, wurde auch der umstrittene NATO-Doppelbeschluss gefasst. Durch die Aufrüstung bekamen immer mehr Westdeutsche Angst vor einem möglichen dritten Weltkrieg. 1981 hatte sich das deutsche Wort „Angst“ seinen Weg auf die Titelseite des amerikanischen Time-Magazins gebahnt. Wie groß die Angst der Deutschen tatsächlich war, belegen auch Rednerliste und Aufruf der Friedensbewegung. „Ohne den Kampf um die Nachrüstung wäre die Geschichte womöglich anders verlaufen.“

Im Ostblock gab es immer wieder Demonstrationen gegen die dortigen Regime, zum Beispiel fand 1989 in Rumänien eine Revolution statt, an deren Ende Diktator Ceausescu und seine Frau hingerichtet wurden. In der DDR und Ost-Berlin wandelte sich am 17. Juni 1953 ein Protest gegen mehr Geld für weniger Lohn zu einem Aufstand gegen das SED-Regime. Dieser wurde genau wie die Aufstände in Ungarn, in der CSSR und in Polen mit militärischer Gewalt beendet. Moskau war aus Angst vor dem Domino-Effekt nie bereit, Freiheit zuzulassen.

Wie diese Ereignisse seine Familie betrafen, schildert Schwaz in sehr persönlicher Weise, weil er als Kind Begriffe wie Diktatur und Demokratie nicht wirklich begriff. Erst durch eine Urlaubsreise nach Ungarn, wo man auch mit Ost-Deutschen in Gespräch kam, zeigte dem Jugendlichen die Grenzen der Freiheit in der DDR auf. Diese Begegnungen führten zur Berufswahl Journalist mit dem hehren Ziel, Diktaturen anzugehen und Menschenrechte zu erkämpfen.

Warum-Fragen kennzeichnen den Lebensweg des Autors. Die Alternative Terrorist zu werden, wurde dem jungen Thomas durch die unangenehm einschränkenden Erfahrungen verhindert, die er machte, als sein Vater Innenminister war, „zu einer Zeit, als die Baader-Meinhof-Bande mordend durch Deutschland zog“.

Ein Volontariat bei Radio Luxemburg bei Hans Meiser als Lehrer, war der Start der Journalistenlaufbahn. Nach nur zwei Jahren war Thomas Schwarz bereits Parlamentskorrespondent in der Bundeshauptstadt Bonn. Er hatte sich um die Regierungsfraktion von CDU und CSU zu kümmern, mit Helmut Kohl als neuem Kanzler und die Arbeit der Grünen einzuschätzen, eine spannende Kombination.

RIAS Berlin, der Rundfunk im amerikanischen Sektor war die nächste Station im Januar 1985. In der geteilten Stadt lernte Schwarz die ihm so wichtige Freiheit bewusst schätzen. Flüchtlinge, die den „antifaschistischen Schutzwall“ der SED überwinden wollten, wurden von DDR-Grenzsoldaten gezielt erschossen. Chris Gueffroy war das letzte Todesopfer vor dem Mauerfall und seine Mutter initiierte den ersten „Mauerschützenprozess“.

Äquidistanz, das Betrachten der beiden Systeme DDR und BRD in derselben Distanz war für den Autor oft Ursache heftiger Auseinandersetzungen. „Unklare Begriffsbestimmungen machen ja im Gegenteil jede Kommunikation zur Farce. Erst durch eindeutige Inhalte wird daraus ein Schuh. Diese Schuhe erst machen aus einem Journalismus, der sich damit zufriedengibt, einfach nur abzubilden oder wiederzugeben und in der eigenen Objektivität erstickt, einen Journalismus mit Haltung.“

Es macht Freude, diese Lebenserinnerungen des Journalisten mit Haltung zu lesen. Der Lebensweg des politischen Berichterstatters bleibt spannend und am Ende ist klar, warum ihm die Einreise in die DDR verwehrt wurde, gegen Ende ihres Bestehens, als die diktatorischen Strukturen bereits im Zerbröckeln begriffen waren.

Das persönliche Fazit des Autors: „Freiheit passiert nicht einfach so. Sie kommt nie zwangsläufig und bleibt nie von selbst. Wir müssen um sie kämpfen, wenn wir sie nicht wieder verlieren wollen.“ Das ist ein Credo, das sicherlich auch Rainer Eppelmann, der das Vorwort schrieb, und Ralf Hirsch, dem es gewidmet ist, unterschreiben können.

Erschienen ist das Taschenbuch beim Bouvier Verlag, ISBN 978-3-416-04078-5. htv


Jetzt Fan der NR-Kurier.de Lokalausgabe Dierdorf auf Facebook werden!


Anmeldung zum NR-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Kreis Neuwied.

Beliebte Artikel beim NR-Kurier


Zusammenführung fehlgeschlagen – Tigerin Kimberly erlag ihren Verletzungen

Bei der Zusammenführung der beiden Tiger im Zoo Neuwied kam es zu einem Angriff des Männchens Ivo auf Weibchen Kimberly. Trotz der vorbereiteten Sicherungsmaßnahmen dauerte es einigen Sekunden, ehe der aggressive Tiger von seiner potenziellen Partnerin abließ und sich umsperren ließ.


Region, Artikel vom 27.01.2021

Corona: Zwei Todesopfer und 40 neue Fälle

Corona: Zwei Todesopfer und 40 neue Fälle

Im Kreis Neuwied wurden 40 neue Positivfälle sowie zwei weitere Todesfälle registriert. Die Summe aller Positivfälle steigt auf 4.554 an. Aktuell sind 321 infizierte Personen in Quarantäne.


Corona: 31 Mitarbeiter der Kamillus Klinik in Asbach infiziert

Aus dem Umfeld der Kamillus-Klinik in Asbach gab es in den letzten Tagen immer wieder Informationen über Infektionen mit Covid 19 von Mitarbeitern und Patienten. Die Klinikleitung hat auf unsere Nachfrage hin Stellung bezogen.


Region, Artikel vom 26.01.2021

Inzidenzwert im Kreis Neuwied jetzt bei 131,8

Inzidenzwert im Kreis Neuwied jetzt bei 131,8

Im Kreis Neuwied wurden am Dienstag, den 26. Januar 24 neue Positivfälle sowie ein weiterer Todesfall registriert. Die Summe aller Positivfälle steigt auf 4.514 an. Aktuell sind 289 infizierte Personen in Quarantäne.


Region, Artikel vom 27.01.2021

Mit dem Winterdienst am frühen Morgen auf Tour

Mit dem Winterdienst am frühen Morgen auf Tour

Bürgermeister Martin Buchholz wollte sich mal persönlich ein Bild vom Winterdienst in seiner Gemeinde und den immer wieder mal vorgetragenen Problemen machen. Sein Resümee lesen Sie nachstehend.




Aktuelle Artikel aus der Kultur


Brandt-Sonderbriefmarke zum Kniefall von Warschau

Unkel. Neben dem Vorstandsvorsitzenden der Bürgerstiftung Unkel Willy-Brandt-Forum Christoph Charlier, durfte sich für die ...

Interview mit Mentaltrainer Michael von Kunhardt zum Thema Corona-Blues

Region. Psychische Erkrankungen nahmen exponentiell zu. (Wir berichteten.) Selbsthilfegruppen können sich nicht treffen, ...

Buchtipp: „Mentalgiganten. Was wahre Stärke wirklich ausmacht“ von Michael von Kunhardt

Dierdorf/Limburg. Michael von Kunhardt war erfolgreicher Hockey-Spieler und ist heutzutage ein ebenso erfolgreicher Mentaltrainer ...

Corona und Erwachsenwerden: Was der Jugend auch weggenommen wird

Region. Wieso unzählige Jugendliche eine Band gründen? Diese Passage aus dem aktuellen Buch des Sängers von Destination Anywhere ...

Aufregend und trostlos: Sänger von Destination Anywhere veröffentlicht Buch

Region. Sex and Drugs and Rock and Roll klingt wie ein unwiderstehliches Versprechen, wenn man 16 Jahre alt ist. Unzählige ...

„Puppets on strings“ - Geschichten und Musik

Rodenbach. Es sind Geschichten, die Mut und Hoffnung machen in einer Zeit von großer Veränderung und Neubeginn. Die Erzähler ...

Weitere Artikel


Ministerin lobt SPD-Initiative auf Einrichtung eines Senioren- und Behindertenbeirates

Bad Hönningen. Zu einem Gedankenaustausch trafen sich im Stadtweingut Bad Hönningen die Ministerin für Soziales, Arbeit, ...

Erstkommunion im Pfarrverband Bad Honnef

Bad Honnef. Die Regelung hatte zur Folge, dass im Pfarrverband elf Mal eine Messe zur Erstkommunion gefeiert wurde. Die ersten ...

Nicole nörgelt… über bornierte Corona-Leugner

Region. Darf man über das Unglück eines anderen feixen? Ich habe an dieser Stelle ja schon einige Male über Schadenfreude ...

Neue Heimat-Jahrbuch 2021 ist erschienen

Waldbreitbach. Den Titel ziert die ehemalige Deutschordenskommende in Waldbreitbach, die vor einigen Jahren durch Viktor ...

Neue Freifunk-Initiative startet im Westerwald

Region. Nach zwei Monaten Netzaufbau und Testbetrieb steht das neue Netz nun auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. “Wir ...

Corona-Infektionsschutz und Energiesparen verbinden

Region. Ab Mitte Oktober soll die Förderrichtlinie „Bundesförderung Corona-gerechte Um- und Aufrüstung von raumlufttechnischen ...

Werbung