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Nachricht vom 11.04.2021    

Buchtipp: „Der Kaiser reist inkognito“ von Monika Czernin

Von Helmi Tischler-Venter

Joseph II. und das Europa der Aufklärung sind Gegenstand des fundiert recherchierten und unterhaltsam sowie spannend geschriebenen Buchs über eine Epoche im Wandel und einen aufgeklärten Kaiser.

Buchtitel. Foto: Wolfgang Tischler

Dierdorf/München. Die Aufklärer hatten Reformen gefordert in einer Phase extremer Ungleichheiten, die besonders für die Habsburgermonarchie zutrafen in einem Riesenreich höchst unterschiedlicher Territorien, Gesetzen, Sprachen und Entwicklungsstadien. Regentin Maria Theresia regierte die Länder des Königreichs Österreich machtbewusst im Konfliktfeld der Mächte Russland und Preußen. Die Habsburger stellten auch seit Jahrhunderten den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, daher wurde ihr Sohn sowohl Mitregent der Königin (ab 1765) als auch Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (1764). Die Mitregentschaft war taktisches Kalkül seitens Maria Theresias, denn sie band den jungen Kaiser, der als solcher über seiner Mutter stand, an das Habsburgerreich.

Bei der Reise zu seiner Inthronisation in Frankfurt nimmt sich der 23-Jährige Souverän vor, nie mehr mit großem Pomp und kostspieligem Hofstaat im Stil der mittelalterlichen Wanderkaiser unterwegs zu sein. Der reformfreudige und aufgeschlossene Regent will seine Territorien und Untertanen wirklich kennenlernen, also muss er inkognito unterwegs sein. Reisen wird für ihn zum Programm. Er reist als Graf Falkenstein in einfacher Kleidung, übernachtet in einfachen Gasthöfen und nutzt eine Hirschhaut und eine Decke als Bett.

Die erste Reise führt den Herrscher 1768 ins Banat, das er in qualvollem Tempo durchreist. In Arad erlebt er entsetzliche Gefängnisse, unsinnige Folter und Todesstrafe. In Kapolnack trifft er die ersten Siedler, deren Bitten er akribisch anhört und in schriftlicher Form sammelt, um sie in Wien zu bearbeiten. Er durchreitet unzählige elende Siedlungen und erlebt die schlimmen Folgen des „Wasserschubs“, der von Maria Theresia abgeschobene Menschen mit Schiffen donauabwärts bis ins Banat bringt. Semlin ist sowohl eine von mehreren militärischen Grenz-Festungen gegen die Osmanen als auch Quarantänestation gegen die Pest-Pandemie. Maßnahmen, die heutzutage sehr vertraut sind.

1769 reist Joseph II. nach Italien. In Rom kommt er genau während der Konklave der Kardinäle nach dem Tod Papst Clemens XII. an. Sein Erscheinen bereitet den kirchlichen Machthabern Stress, weil sie Einmischung fürchten. Der Kaiser besucht seinen Lieblingsbruder Leopold, Herrscher der Lombardei. Roms Architektur beeindruckt ihn, aber noch mehr die Ehrungen der Bürger, die den Kaiser als einen modernen Mark Aurel hochleben lassen. Anschließend besucht er in Neapel seine Schwester Maria Carolina, die unter ihrem gewalttätigen Ehemann Ferdinand IV. König von Neapel und Sizilien, leidet. Bei ihrer Heiratspolitik hatte Maria Theresia stets politische Ziele, nie das Glück ihrer Kinder im Auge. Während Joseph einige Tage in Florenz mit seinem Bruder Leopold und dessen Familie verbringt, bestimmt er den kleinen Franz zum Thronerben, denn der Kaiser weiß, dass er nach dem Tod zweier Ehefrauen und der geliebten Tochter nicht mehr heiraten will.

Den Bauern in der Toskana geht es offensichtlich gut und die Wissenschaft blüht. Bildung erweist sich für alle Schichten als elementar. Leopold will sich einem medizinischen Experiment, der Pockenimpfung unterziehen, denn im 18. Jahrhundert starb fast eine halbe Million Menschen an dem Virus.

Bei der nächsten Reise im Jahr 1769 ist das erste Gipfeltreffen aufgeklärter Herrscher das Ziel. Preußenkönig Friedrich der Große ist Josephs Vorbild, aber Maria Theresias Erzfeind, seit er 1740 überfallsartig in Schlesien einmarschiert war und damit die Schlesischen Kriege vom Zaun gebrochen hatte. Die beiden Regenten unterhalten sich stundenlang angeregt auf gleicher Wellenlänge. Die Schlesienfrage bleibt außen vor, man einigt sich auf einen Neutralitätspakt England und Frankreich gegenüber.



Böhmen und Mähren stehen auf der Agenda im Jahr 1771. Eine belastende Reise, die Joseph Hungersnot und grausame Leibeigenschaft vor Augen führt. Im Kontrast dazu sagenhafter Reichtum der Großgrundbesitzer. Das Robot-System, Frondienste für die Grundherren, beutet die Untertanen total aus und hindert die Bauern an ihrer Arbeit. Mit der Reform dieser Maßnahme sollte Joseph lebenslang beschäftigt sein. Mit Beharrlichkeit arbeitet der Monarch an der Verbesserung der Lebensumstände in seinen Ländern. Das schafft er auf den Reisen mit beständigen Depeschen zwischen ihm und seiner Mutter, die ihm - trotz aller Meinungsverschiedenheiten - inzwischen in Wien den Rücken freihält.

1773 macht sich die Reisegruppe auf nach Siebenbürgern und Galizien, eine Reise, die noch gefährlicher ist als die vorherigen, weil die Region durch die Teilung Polens durch die Großmächte Russland, Preußen und Österreich im Jahr 1772 gewaltsam annektiert wurde. Durch zeitsparende Audienzen in der Kutsche informiert sich Josef über die Belange der Bevölkerung. Eine unermessliche Aufgabe, stellt er fest, auch weil die Geistlichkeit zu viel Macht besitzt. In Brody dagegen treiben 44000 Juden erfolgreich Handel, was Maria Theresia in Schrecken versetzt.

1777 besucht Joseph seine kleine Schwester Marie Antoinette in Frankreich. Hungerrevolten haben das Land erschüttert, die französischen Staatsschulden sind astronomisch und die Aufklärer propagieren Menschenrechte. Die im 18. Jahrhundert explosionsartige Verbreitung von Druckschriften beschleunigte Nachrichten. Der Luxus des französischen Hofs wird als Skandalon empfunden. Joseph weiß um die Gefahr einer Revolution. Seine Ratschläge an Ludwig XVI. und Marie Antoinette stoßen auf taube Ohren. „Wenn Ihr die Revolution nicht verhütet, wird sie grausam sein, endet er prophetisch seine Ausführungen.“ Josephs Überzeugung, dass er Reformen durchziehen müsse, festigt sich.

Die Österreichischen Niederlande, eine reiche und eigenbrötlerische Region, bereist der Kaiser 1781, nach dem Tod seiner Mutter. Er ist jetzt Alleinherrscher, zugleich friedensstiftender Kaiser und ambitionierter Machtpolitiker modernen Zuschnitts. In seiner reformerischen Ungeduld unterschätzt er den Traditionalismus und Eigenständigkeitsdrang der Niederländer. Radikalisierungstendenzen ignoriert er - mit späteren politischen Folgen.

1787 bereist Joseph II. Russland als Teil der illustren Gesellschaft anlässlich der Vergnügungskreuzfahrt Katharinas der Großen. Er hatte sie bereits 1780 getroffen. Die Luxuskreuzfahrt durch das Kosakenland ist machtpolitischer Natur: das russisch-habsburgische Bündnis zu stärken. Das zwingt Joseph, seine Truppen 1788 gegen das Osmanische Reich marschieren zu lassen und gegen seine eigenen Prinzipien zu handeln.

Monika Czernis Buch hat beste Chancen, ebenso wie ihr Vorgängerwerk zum Spiegel-Bestseller zu avancieren. Erschienen ist es im Verlag Penguin, ISBN 978-3-328-60057-2. www.penguin-verlag.de. htv

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