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Nachricht vom 14.07.2020    

Neuwieder Pfarrgemeinden: Auf die Menschen zugehen

Ein Kernthema der Trierer Bistumssynode ist die diakonische Kirchenentwicklung. Wie das Zugehen auf Menschen in Armut, Bedrängnis und Not konkret aussehen kann, zeigen zwei Neuwieder Pfarreiengemeinschaften auf unterschiedliche Weise. Den Stein ins Rollen hat das diesjährige Fronleichnamsfest gebracht.

Die Gruppe bestehend aus Georg Schuhen, Pastor Oliver Seis, Josef Freise und Janine Timm (v. links) tauscht sich regelmäßig aus. Foto: privat

Neuwied. Pastor Oliver Seis predigt während des Gottesdienstes über ein sehr persönliches Thema: Er ist wütend, wütend über die unzumutbare Unterbringung von Obdachlosen im Neuwieder Industriegebiet. Mit Obdachlosigkeit befasst sich Seis intensiv seit 2018. Er gibt zu, dass er bis dahin über die Menschen, deren Treffpunkt oft die Matthiaskirche in der Innenstadt ist, hinweggeschaut hat - wie viele. „Passanten sehen in erster Linie nur die Defizite und nicht die vielfältigen Probleme wie eine schwierige Kindheit, sexueller Missbrauch“, lautet Seis‘ Erfahrung.

Während der Kunstaktion „ION“ in der Matthiaskirche lernte der Priester einen wohnungslosen Mann kennen. Dieser sollte in eine der Wohnungen im Schützengrund ziehen. Als Seis das Haus und die Verhältnisse dort mit eigenen Augen sieht, lässt ihn das Thema nicht mehr los. „Es sind Menschen, auch wenn sie schwierig sind!“, betont der katholische Priester. „Sie brauchen einen Ort, wo sie zur Ruhe kommen“, erklärt Seis, „und das geht nicht auf so engem Raum mit vielen anderen Menschen mit multiplen Problemlagen“. Mehrere Frauen und Männer teilen sich ein Badezimmer; eine Küche gibt es nicht.

Seine emotionale Predigt rollte das Thema wieder auf. Während Seis für die veränderte Fronleichnamsprozession unterwegs ist, klingelt unentwegt sein Handy: Am anderen Ende der Oberbürgermeister und auch der CDU-Fraktionsvorsitzende. Die Stadt erarbeitet jetzt ein neues Konzept, um den Menschen aus dem Schützengrund ein anderes Wohnen zu ermöglichen.

Der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann schreibt in seinem Hirtenwort dazu: „Wirksame Nächstenliebe lebt davon, dass sie nicht bloß eine innere Bewegung und ein Gefühl bleibt, sondern zu konkretem Handeln wird“. Die Gruppe aus der offenen Gemeinde Heilig Kreuz ist genauso unterwegs. Seis nimmt Kontakt mit der Streetworkerin Janine Timm auf. Die Diplom-Sozialarbeiterin hat ihr Büro zwar beim Caritasverband, aber meistens ist sie auf der Straße unterwegs und schaut bei den rund 17 Obdachlosen nach dem Rechten, unterstützt wo es geht. „Not sehen und handeln“ ist ihr Motto. Auch Georg Schuhen, engagierter Ehrenamtlicher und Mitglied im Neuwieder Stadtrat, und Gemeindemitglied Josef Freise setzen sich für neue Wohnungs- und Betreuungsangebote ein.

„Wir müssen kreative Lösungen finden. Es geht darum, dass man den Menschen eine Würde gibt“, sagt Seis. Das kann beispielsweise schon dadurch geschehen, dass man den Frauen und Männern auf der Straße bei Kälte Tee vorbeibringt. „Oder einfach mal grüßen und sie als Menschen wahrnehmen“, schlägt Freise vor. „Den Menschen erst einmal so zu nehmen, wie er ist, dieses Denken müssen wir in den Gemeinden stärken“, weiß Freise.

Zu den Menschen gehen
„Wir suchen Menschen am Rande auf und fragen: ‚Wie soll ich dir helfen?‘ und dann versuchen wir zu helfen“, berichtet Seis, nicht nur betrachtet auf die Obdachlosigkeit in Neuwied, sondern auch als Überleitung zu einer weiteren Aktion in Gladbach, Heimbach-Weis, Engers und Block. Aufgrund der Corona-Pandemie konnten Gläubige nicht an den traditionellen Fronleichnamsprozessionen teilnehmen. Doch getreu dem Motto, „auf die Menschen zugehen“, entwickelten die Räte der Pfarrgemeinde eine neue Idee: Unter der Überschrift „Jesus nach Hause bringen“, brachten Seelsorgerinnen und Seelsorger die Monstranz mit dem Allerheiligsten zu den Menschen. „Wir standen dann in Gärten oder vor Haustüren in ausreichendem Abstand, segneten die Frauen, Männer und Kinder und unterhielten uns noch mit ihnen“, berichtet Seis vom Ablauf. 250 Personen erreichten sie auf diese Weise. „Viele waren zu Tränen gerührt“, erinnert er sich, und auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger waren tief berührt. Für einige waren sie der erste Besuch nach langer Zeit. Im Team wird bereits überlegt, im kommenden Jahr die Fronleichnamsprozession wieder auf diese zugehende Art durchzuführen.

Bei beiden Aktionen wird vom Einzelnen her gedacht. So lautet auch ein Perspektivwechsel im Abschlussdokument der Bistumssynode. Es geht darum, den einzelnen Menschen in seiner Lebenswirklichkeit aufzusuchen und ihn darin verstehen zu lernen. Vom Einzelnen her denken meint eine fragende, sich interessierende, sich solidarisierende und eine zugewandte Kirche.

„Das ‚zu den Menschen gehen‘, hat Jesus auch gemacht“, lautet die klare Antwort der Neuwieder auf die Frage nach ihrer Motivation. Weitere Informationen und Beispiele der diakonischen Kirchenentwicklung im Bistum Trier gibt es hier. (PM)


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