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Nachricht vom 11.07.2020    

Klara trotzt Corona, XXXVI. Folge

GASTBEITRAG | Mit wöchentlich neuen Episoden möchten Ihnen die Autoren der Limburg-Krimis, Christiane Fuckert und Christoph Kloft, den Leserinnen und Lesern etwas Trost, Unterhaltung und hin und wieder vielleicht sogar ein Lächeln schenken, wenn Sie sehen, wie die schrullige Haushälterin Klara Schrupp und ihr gutmütiger Chef Pfarrer van Kerkhof ihren Alltag bewältigen.

Symbolfoto

Kölbingen. 36. Folge
„Klara, Sie machen mich ja ganz verrückt!“ Van Kerkhof sah von der Zeitung auf und blickte kopfschüttelnd seiner Haushälterin hinterher, die ständig von einem Zimmer ins nächste lief, sich mal hier und mal dort zu schaffen machte und dabei immer irgendwelche Zahlen vor sich hin murmelte.

„Was wollen Sie denn mit dem Maßband? Das sehe ich ja jetzt erst!“
„Nun, wenn Ihr Bruder aus Holland kommt, dann müssen wir doch dafür sorgen, dass wir den Abstand einhalten“, gab Klara zurück. Sie legte das Band an der Couch an. „So, hier sitzt der Pfarrer, bis zum Sessel 1,50, das passt. Ja genau, Wim kann hier sitzen.“

„Was soll das, liebe Klara? Der Wim bringt uns schließlich nicht die Pest nach Limburg.“ „Aber vielleicht das Corona. Sie wissen ja nicht, wie die es in Holland damit halten.“ „Die sind genauso vorsichtig wie wir!“, sagte van Kerkhof. „Außerdem könnte der Wim sich das Virus ja auch bei uns holen.“ „Eben, und deshalb werde ich dafür sorgen, dass hier alles ordnungsgemäß abläuft.“

Sie kramte in einer Schublade und holte eine dicke Rolle heraus. „Und was wollen Sie nun auch noch mit dem Klebeband?“ „Ich werde Laufwege markieren. Einbahnstraßen, verstehen sie, wie in den Schulen. Wenn zum Beispiel einer zur Toilette muss, dann geht es vorne die Küche raus und hier durchs Wohnzimmer wieder rein. Dann begegnet sich keiner, und es kann nichts passieren.“

„Aber Klara, wir sind doch nur drei Leute. Wim kommt ohne seine Frau!“ „Ich weiß. Aber für unser kleines Pfarrhaus ist das schon sehr viel. Und vier Tage lang – da kann einiges passieren!“ „Aber Sie dürfen dem armen Wim doch seinen Aufenthalt hier nicht so vermiesen. Der freut sich doch so auf uns!“ „Sicherheit geht vor!“, antwortete Klara nur spitz und fuhr mit ihren Maßnahmen fort. „Und den Küchentisch ziehen wir aus oder stellen noch den kleinen Tisch aus dem Wohnzimmer dran. Dann können wir auch da genug Abstand einhalten!“

„Und sitzen an unserer Tafel wie Ludwig der Vierzehnte in seinem Schloss. Wo bleibt denn da die Gemütlichkeit?“ „Und wo bleibt sie erst, wenn wir alle krank sind? Nein, Herr Pfarrer, wenn Sie schon so unvorsichtig sind, werde ich jedenfalls dafür sorgen, dass nichts passiert.“

Als van Kerkhof aus seinem Büro zum Mittagessen kam, traute er seinen Augen nicht: Mitten durch den Flur hatte Klara ein langes Band gezogen, bunte Pfeile waren auf den Boden geklebt, an sämtlichen Türen hingen Hinweisschilder: „Abstand halten!“, stand darauf und darunter auf Niederländisch: „hou afstand“.

Van Kerkhof brauchte einen Moment, bis er seine Sprache wiedergefunden hatte. Dafür brach es dann umso heftiger aus ihm heraus: „Das geht so nicht, Klara, nein, das mache ich nicht mit!“ „Was werden Sie denn so böse, Herr Pfarrer? So habe ich Sie ja noch nie gesehen.“ Klara wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

Van Kerkhof hatte sich wieder einigermaßen gefasst: „Bitte Klara, verderben Sie uns doch nicht die ganze Freude. Sie wissen, Wim hat eine schwere Zeit hinter sich. Seine Tulpen … die meisten musste er in diesem Jahr wegwerfen, weil er sie wegen Corona nicht verkaufen konnte. Und jetzt machen Sie ihm hier noch das Leben schwer.“

„Ich mache niemandem das Leben schwer. Ich sorge nur dafür, dass er am Leben bleibt!“ „Aber Klara, verstehen Sie denn nicht? Das sieht nach reiner Schikanierung aus.“ „Schikane heißt das, Herr Pfarrer. Langsam müssten Sie doch mal Deutsch können.“ „Ist mir ganz egal, wie das heißt. Jedenfalls kann es so nicht bleiben.“

„Sie meinen … ich soll das wieder wegmachen? Dabei habe ich mir eine solche Mühe gegeben.“ Klaras Stimme war plötzlich eine ganz andere, ihr war anzuhören, dass sie dem Weinen ziemlich nah war. Van Kerkhof holte tief Luft, das hatte er nun wirklich nicht gewollt und er bemühte sich um einen möglichst milden Tonfall: „Wir einigen uns auf die Hälfte, ja? Sie entfernen einige dieser großen Bänder, und der Rest kann von mir aus bleiben!“

Klara griff zum Taschentuch und schnäuzte sich. „Wenn Sie meinen, machen wir das so“, sagte sie kleinlaut. „Ich habe es doch nur gut gemeint!“

„Das weiß ich ja! Aber … “ Van Kerkhof wurde durch das Läuten der Türglocke unterbrochen. „Wer kann das denn sein? Mein Bruder wollte doch erst am frühen Nachmittag da sein.“ „Das werden wir ja gleich wissen. Gehen Sie schon. Ich muss ja die Bänder wegmachen!“ Klara klang schon wieder wie üblich.



Van Kerkhof lief zur Haustür, und gleich darauf hörte seine Haushälterin einen Freudenschrei: „Wim!“ „Willem!“, kam es ebenso glücklich zurück. Sie rannte zur Tür, wo sich die beiden Brüder in den Armen lagen. „Aber ich habe doch gedacht, du kommst erst in ein paar Stunden“, sagte sie zur Begrüßung. „Es ging schneller als gedacht, die Autobahn war frei. Kein einziger Stau“, antwortete der Gast in leidlich gutem Deutsch.

„Aber das Essen … ich habe doch jetzt nichts gerichtet.“ „Ganz egal“, sagte Wim nur, der sie über die Schulter seines Bruders hinweg anstrahlte. Dann ließ er ihn los, bückte sich und zog aus einer Nische neben der Tür einen riesigen Blumenstrauß hervor, den er Klara jetzt mit beiden Händen entgegenhielt. „Für mich?“ Klara riss die Augen auf. „Voor mijn Meisje“, strahlte Wim.

Klara nahm die Blumen und staunte immer noch. Im nächsten Augenblick stand Wim auch schon vor ihr, und sie konnte nicht anders, als den Strauß sinken und sich von ihm in die Arme nehmen zu lassen.

„Mijn Schat, ik ben zo blij dat het goed gaat met jou“, stammelte Wim nun mit tränenerstickter Stimme, während er Klara fest an sich drückte. „Er ist so froh, dass es seinem Schatz gutgeht“, übersetzte van Kerkhof mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Überwältigt von der Herzlichkeit des Besuchers schossen auch Klara die Tränen in die Augen. Als Wim sie wieder losließ, drehte sie sich unvermittelt um und eilte davon. Nach ein paar Schritten hielt sie kurz inne und rief über die Schulter zurück: „Bitte, Herr Pfarrer, halten sie sich noch etwas mit ihm hier auf oder gehen Sie ins Büro. Mir ganz egal, nur noch nicht rein. Ich muss noch was richten. Konnte doch nicht wissen, dass er schon kommt.“

„Aber ein Teller mehr ist doch schnell auf dem Tisch!“ „Nun warten Sie einfach, bis ich Sie rufe!“, kommandierte Klara im Laufen und war bereits verschwunden. Van Kerkhof verstand zwar noch nicht, doch beugte er sich ihrem Willen und führte Wim in sein Büro. Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis Klara sie hineinrief.

Als van Kerkhof mit seinem Bruder in den Flur trat, musste er sich zum zweiten Mal für diesen Tag die Augen reiben: Kein einziger Klebestreifen mehr, kein Absperrband, sämtliche Pfeile und Warnhinweise waren verschwunden. In der Küche stand nur der kleine Esstisch, der weder ausgezogen noch durch einen anderen ergänzt war. Verschmitzt lächelte Klara ihren Chef an, ihr Kopf war vor Anstrengung noch hochrot.

„Sie haben da was“, sagte van Kerkhof mit glücklichem Grinsen zu ihr. „Sie sehen auch alles, Herr Pfarrer“, antwortete Klara, während sie den kleinen Klebestreifen rasch von ihrer Schürze entfernte. „Ja, ich sehe wirklich alles“, sagte van Kerkhof augenzwinkernd in ihre Richtung, während er seinem Bruder einen Stuhl am Tisch zurechtrückte.


Die ersten dreißig Episoden von Klara Schrupp und Willem van Kerkhof sind soeben als eBook erschienen: www.christoph-kloft.de.


Bisher erschienene Fortsetzungen:
Klara trotzt Corona, XXXV. Folge
Klara trotzt Corona, XXXIV. Folge
Klara trotzt Corona, XXXIII. Folge
Klara trotzt Corona, XXXII. Folge
Klara trotzt Corona, XXXI. Folge
Klara trotzt Corona, XXX. Folge
Klara trotzt Corona, XXIX. Folge
Klara trotzt Corona, XXVIII. Folge
Klara trotzt Corona, XXVII. Folge
Klara trotzt Corona, XXVI. Folge
Klara trotzt Corona, XXV. Folge
Klara trotzt Corona, XXIV. Folge
Klara trotzt Corona, XXIII. Folge
Klara trotzt Corona, XXII. Folge
Klara trotzt Corona, XXI. Folge
Klara trotzt Corona, XX. Folge
Klara trotzt Corona, XIX. Folge
Klara trotzt Corona, XVIII. Folge
Klara trotzt Corona, XVII. Folge
Klara trotzt Corona, XVI. Folge
Klara trotzt Corona, XV. Folge
Klara trotzt Corona, XIV. Folge
Klara trotzt Corona, XIII. Folge
Klara trotzt Corona, XII. Folge
Klara trotzt Corona, XI. Folge
Klara trotzt Corona, X. Folge
Klara trotzt Corona, IX. Teil
Klara trotzt Corona, VIII. Teil
Klara trotzt Corona, VII. Teil
Klara trotzt Corona, VI. Teil
Die Limburger Pfarrhausermittler: Klara trotzt Corona, V. Teil
Die Limburger Pfarrhausermittler - Klara trotzt Corona, IV. Teil
Klara trotzt Corona, dritter Teil
Klara trotzt Corona, zweiter Teil
Klara Schrupp und Pfarrer van Kerkhof trotzen der Corona-Krise


Mehr zum Thema:    Coronavirus   
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