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Nachricht vom 21.05.2020    

Erzieherinnen: Wir sind nicht die Basteltanten

Von Eckhard Schwabe

INTERVIEW | Seit dem Ausbruch der Pandemie hat sich vieles in allen Bereichen verändert. Auch bei Erzieherinnen und Erziehern die in Kindergärten und oder Kindertagesstätten arbeiten. Man las und hörte im Zusammenhang mit diesen Einrichtungen immer von Notbetreuung für Kinder der systemrelevanten Berufe. War diese Notbetreuung notwendig oder angebracht?

Foto: Eckhard Schwabe

Neuwied. Die Kuriere sprachen exklusiv mit einer langjährigen Erzieherin, wie sie die Zeit und die damit verbundenen Änderungen in ihrem Beruf erlebt hat.

NR-Kurier: Karin (Name von der Redaktion geändert) sie arbeiten jetzt mehr als 25 Jahren als Erzieherin, welche Erfahrungen haben sie im Umgang mit der Pandemie gemacht und wo gab es Probleme oder auch positive Überraschungen?
Karin: Als es für uns galt, die Notbetreuung zu organisieren, dachten wir, dass viel mehr der so genannten systemrelevanten Berufsgruppen das Angebot in Anspruch nehmen würden, das war nicht der Fall. Im Nachgang kann man sagen, dass eine von vier Familien das Angebot wahrgenommen hat. Wir haben uns im Team drüber unterhalten, warum das so ist/war und haben feststellen müssen, dass gerade diese von allen als systemrelevant angesehenen Berufsgruppen es innerhalb kürzester Zeit selbst organisiert hatten und wir da nicht gefordert waren. Warum das so ist, haben wir nicht feststellen können, aber, wenn alles vorbei ist, wird man darüber sicherlich ein paar mehr Informationen bekommen, was für alle von Interesse ist.

Was wir jedoch vermisst haben, sind für unseren Beruf bezogene Informationen von Seiten der Politik, da half uns dann nur das Netzwerk zu anderen Erzieherinnen in anderen Einrichtungen, mit denen wir uns austauschen konnten. Es wurden allgemeine Informationen verteilt, ja teilweise wurden wir mit diesen überfrachtet, aber wie soll ich denn ein Kind zum Beispiel mit Sicherheitsabstand trösten? Die Informationen enthielten Vorgaben, die mit unserem Beruf nicht wirklich vereinbar waren. Da sollte und muss man jetzt im Nachgang die Konsequenzen ziehen und nachsteuern, denn somit können wir auch aus der Krise mit Corona noch etwas Positives für alle aufnehmen.

Es gab in Teilen hochtrabende Fachinformationen, aber das Wesentliche wurde da nicht beachtet, nämlich das Kind, der Mensch, dass dann genau in dem Moment unsere, meine, Hilfe braucht. Da muss seitens der Verantwortlichen - und damit meine ich Politik und Aufgabenträger - mehr kommen. Uns ist klar, dass es für alle eine neue Situation war, jedoch einfach nur Merkblätter zu verteilen und Informationen per Mail zu schicken, hilft nicht wirklich. Wünschenswert wären da auch mal Gespräche gewesen, ja richtig Gespräche, die durchaus per Telefon hätten erfolgen können/müssen. Mit solchen Gesprächen wären sicherlich eine Menge von Problemen und Fragen geklärt worden. Denn über eines sind wir uns wohl alle im Klaren: Nur wenn man miteinander spricht kann man Probleme lösen, eine Mail reicht nicht aus!

Auch dass Tätigkeiten, die mit dem Beruf des Erziehers oder Erzieherin überhaupt nichts zu tun hatten, wie Renovieren von Räumlichkeiten oder andere Reparaturarbeiten innerhalb der Einrichtung von uns und anderen Kolleginnen und Kollegen in vielen Einrichtungen durchgeführt wurden. Da fragen wir uns, warum? Denn diese Arbeiten sind sonst durch Mitarbeiter der Aufgabenträger erledigt worden und die waren nach unseren Informationen nicht im Homeoffice.

Waren sie die ganze Zeit in ihrer Einrichtung?
Karin: Nein, wir haben uns die Zeiten so eingeteilt, dass je nach Auslastung der Einrichtung durch die zu betreuenden Kinder, die wir im Übrigen alle sehr vermisst haben, ausreichend Erzieherinnen und Erzieher da waren.

Die restlichen Erzieherinnen und Erzieher waren im Homeoffice. Ja, Homeoffice, auch das geht in unserem Beruf. Es ist ja nicht nur die Betreuung der Kinder, die wir jeden Tag haben und nein, wir sind nicht die Basteltanten oder die, denen man die Kinder morgens bringt und die dann den ganzen Tag durch und von uns bespaßt werden und man sie am Nachmittag wieder abholt. Unsere Aufgaben gehen da noch ein wenig tiefer. Für jedes Kind haben wir eine Portfolio-Mappe. In dieser werden zum Beispiel Bilder, die die Kinder in ihrer Zeit gemalt haben, aufbewahrt, oder Fotos aus der Zeit im Kindergarten. Diese Mappe erhält das Kind dann zum Abschluss, wenn es in die Grundschule geht.

Was haben sie im Homeoffice für Aufgaben gehabt?
Karin: Wir haben Projekte für die Gruppen erarbeitet, haben die in regelmäßigen Abständen durchzuführenden Elterngespräche über die Entwicklung der Kinder vorbereitet, genäht, wie Kissen, Kopfbedeckungen für besondere Anlässe und und und... Ich persönlich muss sagen, Homeoffice ist okay, aber ich vermisse die Kinder, die Begrüßungen am Morgen, den Umgang, dass Toben einfach alles mit den Kindern und daraus hatte ich für mich hin und wieder das Gefühl, dass ich durch das Homeoffice nicht genug leiste. Die Kinder fehlen mir halt.

Wertschätzung ihres Berufes?
Karin: Oh, ein Thema, welches unterschiedlicher nicht sein kann. Klatschen und auch sonstige Geste sind ja nett, aber eine echte Wertschätzung sieht doch in meinen Augen anders aus. Ich persönlich wünsche mir einfach, dass Eltern und da spielt es keine Rolle, ob sie aus systemrelevanten Berufen oder aus anderen Berufsgruppen kommen, nicht der Meinung sind, wir sitzen den ganzen Tag rum, trinken Kaffee oder Tee und passen auf die Kinder auf. Ich habe hin und wieder das Gefühl, dass die Kinder einfach nur abgegeben werden, von 7 bis 16.30 Uhr und wir sonst nichts leisten. Selbstverständlich gibt es Eltern, die genau wissen und es auch sehr, sehr schätzen, was wir leisten, aber oftmals hören wir aus Gesprächen raus, dass es vielen nun wirklich nicht bewusst ist, was wir machen, da müsste auch mehr von Seiten der Politik und der Aufgabenträger kommen und in meinen Augen würde es mit der Vergütung einen ersten Schritt geben, der auch in dieser Hinsicht die Wertschätzung zum Ausdruck bringt.

Was wünschen sie sich am meisten?
Karin: Ich möchte so rasch wie es geht, wieder die Kinder um mich haben, mit ihnen lachen, weinen, spielen. Zwischenzeitlich erreichen uns Bilder von unseren Kindern und auch beim Einkaufen trifft man hin und wieder Eltern mit ihren Kindern, da ist die Freude schon groß gewesen, dass man sich überhaupt mal wieder sieht. Ich freue mich auch wieder auf den Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen. Ich liebe meinen Beruf und vermisse so viel, was einem erst bewusst wird, wenn man es nicht mehr täglich hat.
Das Gespräch führte Eckhard Schwabe


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