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Nachricht vom 20.02.2020    

Karneval: Alaaf, Helau oder o-jö-jo – welch eine Vielfalt?

GASTBEITRAG | Es ist wieder Karneval – für viele der Höhepunkt im ganzen Jahr, für andere ein Graus. Auch der Grandpa aus dem Westerwald hat seine ganz eigene Meinung zur fünften Jahreszeit, die gerade wieder von Menschen im ganzen Land gefeiert wird.

(Archivbild Kuriere)

Da ist es wieder soweit,
es ist die fünfte Jahreszeit — tata,tata,tata
Frauenfeindlich ist erlaubt,
es wird gescherzt, auch wenn es staubt.
Gute Laune ist befohlen,
den Tripper werden wir uns holen. – Und Tusch

Ich muss gestehen, ich bin nicht der ganz große Karnevalsjeck und der ganze Trubel beschränkt sich bei mir auf maximal einen Tag. Das reicht dann aber auch.

Es gibt den Kinderkarneval…
Kinderkarneval ist ‘ne tolle Sache. Es geht ums Verkleiden, Spielen und Spaß miteinander haben. Und wenn die Kleinen einmal taumeln oder torkeln, dann ist das dem Alter und der daraus resultierenden eingeschränkten Balance geschuldet. Wie Kinder sich fühlen, wenn sie auf kanevalsselige Erwachsene in der fünften Jahreszeit treffen? Keine Ahnung. Ich weiß nur noch aus frühester Jugend: das Zusammentreffen mit „seligen“ Erwachsenen konnte zum richtigen Zeitpunkt für ordentlich Taschengeld sorgen. Einen Augenblick später war aber schon wieder der Igel in der Tasche!

…und das Fest nur für Volljährige
Laut Wikipedia nahm der ganze Zirkus bereits 5000 v. Chr. seinen Lauf. Erste wilde Gelage, bei denen angeblich keine Unterscheidung zwischen den Herrschenden und den Befehlsempfängern gemacht wurde. Wer es glaubt, wird selig! Mir ist bei entsprechender Gelegenheit an falscher Stelle auch schon mal ein kecker Spruch rausgerutscht. Natürlich ist in der Situation niemand darauf eingegangen – hätte auch keinen Sinn gemacht –, aber dass das alles unter dem Deckmäntelchen vom König Karneval verschwunden blieb, hat sich Tage später nicht bestätigt. Soweit zu: wir lassen den Stand mal ruhen! Was natürlich stimmt: WIR LASSE DEN DOM IN KÖLLE! Denn da steht er ja auch noch und ich wüsste auch nicht, welche Stadt sich diese Großbaustelle sonst noch leisten könnte oder wollte.

Kirche und närrisches Treiben
Meine Bemerkung ist allerdings keine 5000 Jahre alt, obwohl ich mich mitunter am Tag nach dem „Zoch“ fast so alt fühle. Die katholische Kirche beansprucht irgendwie diese närrische Zeit auch für sich, daher ja auch die anschließende Fastenzeit bis Ostern. Schon im Mittelalter wurde auf die Gleichstellung der einfachen Leute und der Kirchenoberen in dieser Zeit hingewiesen. Dass der Bischof dann mit dem Frohndienstleister aus einem Krug trank, stelle ich jedenfalls in Frage. Im Alter einer ernstzunehmenden Arbeitskraft war der Bursche ja schon viel zu reif. Betrachte ich allerdings die geschlechtliche Zusammensetzung des Kölner Dreigestirns, wo auch den Posten der Jungfrau seit 1870 immer ein Mann inne hatte (bis auf die Jahre 1938 und 39 auf Forderung der NSDAP lt. Wikipedia) kann schnell ein Zusammenhang konstruiert werden. Nur im Film durfte der oberste Posten der Kirche durch „die Päpstin“ besetzt werden. Selbst jetzt in den Zeiten der Aufklärung hat sich erst kürzlich die Führung der katholischen Kirche eindeutig positioniert: Frauen nein danke – zumindest was Führung betrifft. Jetzt aber schnell wieder zum Karneval, das Thema, in dem der Ernst nicht ganz so groß geschrieben werden soll?!?!?

Karneval = Festtage, was kann nicht alles passieren
Ich für meinen Teil habe festgestellt, je mehr ich mich mit der Geschichte befasse, desto schlimmer wird das für mich. Das gilt in meinem Fall allerdings schon seit der sechsten Klasse. Auch meine Lehrerin Frau Klasing war, was Geschichte und mich betrifft, zu der Überzeugung gekommen, wir würden nie zusammenpassen. Deutsch war auch nicht meine Stärke, eher Sport. Aber zurück zu Deutsch und Karneval. „Fast Nacht“, es handelt sich also eigentlich um die Zeit ab 21 bis 22 Uhr, wird erstaunlicherweise aber auch tagsüber über mehrere Tage sehr intensiv und über mehrere Monate (ab dem 11.11.) auf kleinerer Flamme zelebriert. Ausgerechnet in Köln sind diese Festtage im Mittelalter immer wieder verboten worden. Zeitweise wurden auch nur alkoholische Getränke verboten, was nach Überlieferungen aber gleiche Auswirkungen hatte. Am Karneval, ich leite es mal ab vom spanischen Carne = das Fleisch, und dem litauischen Val = Stunde, also die Stunde des Fleisches, ist deutlich mehr erlaubt als zu anderen Zeiten. Nein, betrunken Autofahren gehört nicht dazu, obwohl Statistiken zu Fahrerlaubnisverlusten darauf hindeuten, dass die gängige Meinung anderer Auffassung ist. Sexuelle Übergriffe scheinen mir dagegen ebenfalls nicht erlaubt, sondern fast ausdrücklich gewünscht, von der Einen wie von dem Anderen.

Karneval und Humor: Passt das zusammen?
Zoten aus der untersten Schublade sind plötzlich erlaubt. Nicht dass mir das nicht entgegenkommt. Nur: rausgerutschte Bemerkungen meinerseits, die an 360 Tagen des Jahres bei der holden Weiblichkeit blankes Entsetzen und die Androhung einer Steinigung hervorrufen, führen in den besagten Tagen zu schallendem Gelächter. Bei poetisch anmutenden Textzeilen wie „es sind noch Möpse da, es sind noch Möpse…..“ rücken emanzipierte Damen ihr Dekolleté zurecht, schunkeln dem lachendem Mannsvolk in die Arme und scheinen ihre „Ware“ zum Teil feil zu bieten. Mitunter bin ich entsetzt.

Aber es handelt sich um Brauchtum, also Bräuche aus längst vergangener Zeit. Die Emanzipation hat sich auch nicht gleich nach dem Anlanden der ersten Meeresbewohner entwickelt, sondern es dauerte noch etwas, bis die ersten Weibsbilder nicht mehr damit einverstanden waren, dass der behaarte und streng riechende Typ mit der Keule sie an den Haaren in die Höhle zerrte. Die zelebrierten Bräuche liegen zeitlich irgendwo zwischen damals und heute, wie auch die Witze und das Liedgut. Texte aus Reden oder Gesangsvorträgen sind nicht immer auf dem neuesten Stand, was auch nicht notwendig ist. Die Erwartungen sind eher gedämpft und auf Grund der verordneten Fröhlichkeit ist das Gelingen humoristischer Auftritte einfacher gegeben. Ich übrigens setze auch darauf, bitte.

Die Tage bringen Menschen zusammen
Schon im Vorfeld zum Wagenbau und zur Vorbereitung diverser Veranstaltungen kommen Menschen zusammen, die sich im Rest des Jahres kaum beachten. Mit großer Ernsthaftigkeit wird gehämmert, genagelt, gefeilt, getanzt, gedichtet und was weiß ich nicht noch alles ge…..! Bei diesen intensiven Kontakten ist es natürlich kein Wunder, dass man sich in den nächsten Wochen und Monaten besser aus dem Wege geht. Dann ist da noch der Karnevalsumzug. Gut gelaunt ziehen die Horden durch die Straßen und beschmeißen das Volk mit Süßigkeiten. Am besten man geht als Ritter oder Biker. Die Einschläge durch einen Helm abgefangen sind nicht mehr ganz so schmerzhaft. Vielleicht bin ich in früherster Kindheit öfter getroffen worden, denn ich war zwar durch die Eltern behütet, aber bei meinen Kanevalsumzugsbesuchen nicht behelmt. Das könnte so einiges erklären, unter anderem meine für hiesige Region ungewöhnliche Abneigung gegen diese Wurfdisziplin. Aber in der närrischen Zeit treffen dann auch wieder völlig unterschiedliche Menschen aufeinander. Ein Clown, ein Sheriff und ein Indianer stehen beieinander. Das Einhorn ist Bier holen. Sicher ist, dass die Polizistin nicht mit dem Clown nach Hause geht und die Jungfrau, nun ja wer weiß. Ein Einhorn hätte vielleicht noch eine Chance bei den Mädels.

Der Rock der Polizistin oder von Batman (der Rock von Batman – oh mein Gott) sind schon sehr kurz. Viel zu junge, knapp bekleidete Jugendliche fliegen artistisch über die Bühne und niemand macht sich Gedanken. Vom Prinzip her sehr schön, machten wir uns mitunter in den vergangenen Jahren manchmal viel zu viele Gedanken über alles Mögliche und verlieren uns in einem Wahnsinn aus „Genderei und Behüteritis für alles“. Gut allerdings, glaube ich, dass dieser leichtfertige Umgang mit allem sich auf ein paar Tage beschränkt. Nicht jeder kann damit umgehen.

Zum Schluss
Alles in allem ist Karneval schon eine ernste Angelegenheit. Spätestens beim Wechsel von Köln, nach Düsseldorf, nach Aachen, nach Mainz, ist Schluss mit lustig. Und ganz im Ernst, bei Kölsch hört der Spaß bei mir auch auf. Hoffentlich kommen alle heil durch die verrückte Zeit. Vielleicht treffen wir uns ja. Ich wollte eigentlich als Wikinger los. Meine Herzallerliebste hat dem allerdings einen Riegel vorgeschoben. Das Einhorn wurde ebenfalls gestrichen. Es wird eher etwas Unauffälliges. Dem Alter entsprechend mehr grau. Es geht auch nicht mehr um die Erhaltung der Art, sondern nur noch ums Überleben.

Zu guter Letzt hab ich SIRI noch einmal befragt, was sie vom Karneval hält. Die Antwort hat mir wieder einmal klar gemacht: „Ich bin zu alt für diese Schei….!“ LG, Euer Grandpa



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