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Nachricht vom 24.01.2020    

Urwald oder Kulturwald – was nützt der Artenvielfalt?

Von Helmi Tischler-Venter

Forstamtsleiter Uwe Hoffmann reagierte sehr bestürzt auf Vorwürfe von Naturschützern, die Förster seien Naturzerstörer. Seine Kollegen seien vielmehr seit vielen Jahren auf nachhaltigen Naturschutz und Artenvielfalt bedacht. Das Problem beim Wald ist, dass der Laie Auswirkungen der Maßnahmen erst nach Jahren erkennt und Naturereignisse wie Windwurf, Borkenkäfer und Dürre die Arbeit von Generationen vernichten können.

Von links: Referendar Paul Lewetzky, Revierförster Heinrich Kron und Forstamtsleiter Uwe Hoffmann. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Dierdorf. Uwe Hoffmann und Revierförster Heinrich Kron, zuständig für den Stadtwald Neuwied, den Märkerwald Feldkirchen und das Revier Rodenbach, zeigten anhand des Waldes bei Monrepos, wie der engagierte Förster dort bereits seit 35 Jahren arbeitet und plant. Da es sich überwiegend um ein Laubholz-Revier handelt, ist es von der Borkenkäferkalamität, die durch die beiden vorangegangenen Dürrejahre begünstigt wurde, relativ verschont geblieben. Aber auch die Laubbäume sind im Stress, denn obwohl es in letzter Zeit geregnet hat, ist der Boden nur in der obersten Humusschicht feucht, aber in der Saugwurzel-Tiefe bis 1,80 Meter noch trocken. Es wird noch deutlich mehr regnen müssen, denn ohne Wasser bleibt kein Baum am Leben.

Optisch ansprechender Erholungswald
Da der Wald bei Monrepos ein beliebtes Naherholungsgebiet mit viel genutzten Wanderwegen ist, achtet Kron außer auf Ökologie auch auf optische Ästhetik zum Nutzen der Spaziergänger. Daher hat er auf der linken Seite des Waldwegs ein Gatter mit einem Wildzaun gegen Verbiss mit Spitzahorn besetzt, weil der im Herbst eine leuchtend gelbe Färbung aufweist. Auf der rechten Seite kommen auf einer Freifläche Eichen, Birken und Wildkirschen, die mit einem schönen Austrieb für Farbe sorgen. Eine Linde mit einer Bank an Reichelbachs Quelle bietet dem Wanderer Blickpunkt und Abwechslung. Auf der Kuppe stehen uralte Buchen. Die etwa 50 Jahre alte Buchenaltholzgruppe bleibt aus optischen Gründen stehen. Ebenso eine dicke Eiche und ein Kirschbaum. An der Vorgängerin der „Gotteseiche“, auf die ein Schild hinweist, wurden früher Andachten gehalten, wenn die Toten von Datzeroth nach Feldkirchen gebracht wurden. So findet man einen sehr abwechslungsreichen Wald vor, der ökologisch vielfältig ist. Und der zudem Großtieren wie Hirschen und Wölfen passenden Lebensraum bietet.

Geschichte des Waldbaus
Nach der Eiszeit, die Europa von Norden und Süden überzog, setzten sich die dominanten Buchen durch. Ohne den Eingriff des Menschen gäbe es nur Buchenwald, denn die Buche erdrückt alle anderen Baumarten wie Eichen und Birken. Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele Wälder in Deutschland als Reparationsleistung abgeholzt. Dadurch wurden unzählige Fichten, von denen man genügend Samen hatte, gepflanzt und das schnell wachsende Nadelholz wurde zum „Brotbaum“ des Landes. Allerdings kommt die Fichte nicht gut mit Trockenheit zurecht, daher ist sie eine Verliererin des Klimawandels.

Forstliche Reaktionen auf Klimaerwärmung
Durch Borkenkäferbefall entstandene Freiflächen werden mit einem Trockenheits-resistenten Mischbestand von Fichten, Lärchen und Buchen wieder bewachsen. Es werden die Baumarten gefördert, die klimaresistent erscheinen. Klimawandel bedeutet Waldwandel, denn ein Ende von Hitze und Dürre ist nicht in Sicht. Die Forstleute müssen darauf reagieren, denn unser Land benötigt sehr viel Holz. Jedes fünfte verarbeitende Unternehmen befasst sich in Rheinland-Pfalz heute in irgendeiner Weise mit Holz.

Da die Forstleute nachhaltig und naturnah arbeiten, experimentieren sie mit seltenen Baumarten wie den wärmeliebenden Elsbeeren, Kirschen, Birnen und Edelkastanien. Diese besitzen einen hohen ökologischen Wert und wenig Holzwert. Versucht wird der Anbau von Blutlärchen, einer Mischung aus japanischer und europäischer Lärche, die in der Jugend schnell wächst und resistent gegen Trockenheit ist. Auch Douglasien erweisen sich als recht resistent, zudem kommen sie auf den mageren Schieferböden zurecht und bilden guten Humus, der eine grüne Nische mit Brombeeren und Kräutern bildet. Zwar stammen sie aus Amerika, aber viele „Einwanderer“ wurden nach einiger Zeit heimisch. So kommt das typische Bauerngartengehölz Flieder ursprünglich aus China. Die Douglasie könnte nachhaltiger Ersatz für die aussterbende Fichte werden.

Man erkennt viel Naturverjüngung unter den Buchen in Krons Revier. Dieser ist attraktiv für viele Insekten und Vögel, zum Beispiel nisten Schwarzspechte im Buchennaturwuchs. Der Förster gibt der Verjüngung Licht durch Einschlag, damit sie wachsen kann, das heißt, die Kronen der alten Bäume werden zurückgenommen. Ab einem Alter von 40 Jahren werden dann einzelne Bäume gefördert. Die Buchen brauchen viel Feuchtigkeit. Der Buchen-Nationalpark Hainich, ein Urwald mitten in Deutschland (Thüringen), erlebt bereits ein dramatisches Buchen-Sterben.

Der Schieferboden über Neuwied brachte auch dort einigen Buchen Trockenbrand, die Eichen überlebten und dürfen sich nun verjüngen. In einer durch Windwurf entstandenen Freifläche wurden zwischen Bergahorn und Eichen einige klimaresistente und schnellwüchsige amerikanische Roteichen gesetzt, die eine neue tiefrote Laubfarbe einbringen.

Wald in Privatbesitz
Der Privatwald in Krons Revier ist durchgewachsener Niederwald, in dem die meisten Besitzer gar nicht mehr arbeiten. Früher wurden Wälder so intensiv genutzt, dass es nur Niederwald gab, denn man stellte massenhaft Holzkohle für die Eisenerzverhüttung im Siegerland her. Einige wenige Menschen sind noch mit Brennholzgewinnung beschäftigt, denn auch die Fichte liefert gutes Brennholz, man muss nur etwas öfter nachschüren. Viel Totholz bleibt im Privatwald liegen.

Im Bereich der Märkerschaft Feldkirchen steht ein anerkannter Bestand 50-jähriger amerikanischer Küstentannen, die sich als sturmfest und resistent gegen Klimawandel erwiesen.

Urwald - Kulturwald
Würde man den Wald sich selbst überlassen, blieben nur Buchen übrig, die wenig Artenvielfalt zulassen, das heißt, nur wenige Insekten können auf dieser Baumart leben und der Bodenbewuchs unter der schattenliebenden Buche ist spärlich: Es gedeihen nur Frühblüher, die schneller als der Laubaustrieb sein müssen, sonst gehen sie mangels Licht und Sonne ein. Das wird in unbearbeiteten Referenzflächen beobachtet. Daher sind die Forstleute sicher, durch ihre Arbeit im Kulturwald mehr ökologische Vielfalt zu generieren.

Ein intakter Wald leistet als grüne Lunge wichtigen Klimaschutz. Forstleute müssen mit der Natur arbeiten und für künftige Generationen vorsorgen. Vielfalt macht den Wald stabiler, daher setzen die Förster auf Arten- und Genvielfalt und „Klumpenpflanzung“, das heißt, immer 30 bis 40 Baumsetzlinge werden an einer Stelle ausgebracht mit großem Abstand zum nächsten Klumpen. So kann der Wald seine natürliche Dynamik entwickeln und eigene Samen einbringen. Da Wildtiere sich von jungen Knospen, Trieben und Rinden ernähren, müssen diese oft geschützt werden.

Damit Nachhaltigkeit gewährleistet ist, werden Bestand und Zukunftsplanung im Forsteinrichtungswerk festgehalten. Ziel der Forstgestaltung ist ein dreistufiger Hochwald mit Verjüngung, mittelalten und alten Bäumen. Wenn Revierförster Heinrich Kron Ende dieses Jahres in den Ruhestand geht, kann sein/e Nachfolger/in mit Hilfe des anschaulichen Forsteinrichtungswerks seine Arbeit fortsetzen. htv


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