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Nachricht vom 19.07.2019    

20. Juli 1944: Mit erhobenem Haupt gegen die Barbarei

Vielen Männern und Frauen des 20. Juli 1944 war die Vergeblichkeit ihres Bemühens, die nationalsozialistische Diktatur zu beenden, zweifellos bewusst. Sie engagierten sich trotzdem und ohne Rücksicht auf die eigene Zukunft. Manfred Lütz hat die Autobiografie seines Großonkels Paulus van Husen herausgegeben. Als Mitglied des Kreisauer Kreises wird er nach dem missglückten Hitler-Attentat verhaftet. Dass er überlebt, hat er Glück und seinem Geschick bei den Verhören durch die Gestapo zu verdanken.

Paulus van Husens Lebenserinnerungen wurden von Manfred Lütz kuratiert. Das Buch ist unter dem Titel „Als der Wagen nicht kam“ im Herder-Verlag erschienen. (Foto/Cover: Herder-Verlag)

Berlin. „Gibt es Gewissenspflichten, auch wenn alle ringsumher die Moral zu verspotten scheinen? Wann muss man Widerstand leisten, persönlich und öffentlich? Gibt es etwas, für das man bereit wäre, sein Leben einzusetzen?“ Manfred Lütz stellt diese Fragen in der Einleitung zur Autobiografie seines Großonkels Paulus van Husen (1891 bis 1971). Dieser beschreibt unterhaltsam und witzig sein Aufwachsen in der Kaiserzeit. Nach dem Ersten Weltkrieg reitet er als Husar in wichtiger Mission zu Pferde in Berlin Charlottenburg ein, gerät in die internationale Diplomatie, wird Richter am preußischen Oberverwaltungsgericht, trifft persönlich die großen Nazis, obwohl er längst im Widerstand ist, wird schließlich Mitverschwörer beim Attentat auf Hitler, entgeht nur knapp dem Tod und wird am Ende der erste Verfassungsgerichtspräsident Nordrhein-Westfalens. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem 20. Juli 1944 machte Lütz die entscheidende Entdeckung: Er fand die bis dahin unbekannte Autobiografie van Husens.

Van Husen überlebt nur mit Glück
Nichts deutete darauf hin, dass Paulus van Husen einmal zum Verschwörer werden würde. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte er unter anderem in Oxford und Genf noch ein unbeschwertes Studentenleben geführt, Sarah Bernhardt auf der Bühne erlebt, das mondäne Strandleben auf Borkum genossen. Doch mit dem Ersten Weltkrieg nimmt sein Leben eine erste Wendung. In einem Husarenstück eilt seine Elitedivision 1918 der Regierung Ebert in Berlin zu Hilfe. Als Mitglied der deutsch-polnischen Gemischten Kommission erlebt er beim Völkerbund in Genf Gustav Stresemann und gerät sofort mit den Nazis aneinander. Wie er Goebbels und Keitel begegnet und dem eiskalten SS-Mörder Heydrich Auge in Auge widersteht, beschreibt er packend. Als Teil des Kreisauer Kreises hat er einen entscheidenden Moment mit dem Hitler-Attentäter Stauffenberg und am Ende überlebt er nur mit viel Glück. Er beschreibt die Triebkräfte ebenso wie die Gedanken und Nöte der Widerständler. Nach dem Krieg wird er von Adenauer umworben, zählt zu den Gründern der CDU in Berlin und beschließt seine Karriere als erster Verfassungsgerichtspräsident Nordrhein-Westfalens. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem 20. Juli 1944 machte Lütz die entscheidende Entdeckung: Er fand die bis dahin unbekannte Autobiografie van Husens.



Die moralische Wirkung war enorm
Paulus van Husens Lebenserinnerungen wurden von Manfred Lütz, bekannt als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, katholischer Theologe und Autor, kuratiert. Das Buch ist unter dem Titel „Als der Wagen nicht kam“ im Herder-Verlag erschienen. In seiner Einleitung lässt Lütz nicht nur den Menschen Paulus van Husen noch einmal lebendig werden, sondern verweist eben auch auf die hohe Aktualität der abenteuerlichen Lebensgeschichte eines Mannes, der sich erhobenen Hauptes einer Barbarei entgegenstellte: „75 Jahre nach der Befreiungstat vom 20. Juli 1944 wird in diesen Texten eine Zeit wieder lebendig, in der auf der einen Seite hemmungsloser Hass und Menschenverachtung die Macht ergriff, aber andererseits Menschen, die sonst unscheinbar ihrem Beruf nachgegangen wären, sich vor ihrem Gewissen aufgerufen fühlten, Widerstand zu leisten – unter Einsatz ihres Lebens“, schreibt Lütz. Und: „Wir Deutschen verdanken den Männern des Widerstands viel mehr, als die meisten heute ahnen. Und daher ist es auch nicht richtig, das Attentat vom 20. Juli 1944 nur als Misserfolg darzustellen.“ Das unmittelbare Ziel der Ermordung des Diktators sei verfehlt worden. „Aber die moralische Wirkung war enorm“, so Lütz. (scan)


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