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Nachricht vom 23.12.2016    

Gießhalle der Sayner Hütte erwacht zum Leben

Glutrot erstrahlt der Hochofen, die Wasserräder beginnen sich zu drehen, die drei Zylinder der Gebläse-Maschine nehmen ihren Takt auf, die Kohle im Hochofen, dass Erz und der Kalk verschmelzen zu glühendem Eisen, dann folgt der Abstich und das flüssige Eisen rinnt in das hell rot glühende Masselbett. Mittendrin: Der Besucher, der spürt, wie es sich angefühlt haben muss, wenn man am Ende des 18. Jahrhunderts in der Sayner Hütter gearbeitet hat.

Inszenierung Hochofen. Foto: Jangled Nerves

Bendorf-Sayn. So stellen sich die Planer des Denkmalareals Sayner Hütte die Inszenierung des Hochofens als emotionalen Höhepunkt eines Rundgangs über das Hüttengelände im Jahr 2019 vor. Die renommierte Stuttgarter Agentur Jangled Nerves, die bereits die Ausstellungs- und Medienkonzeption des Ruhr Museums im Weltkulturerbe Zeche Zollverein entwickelt hat, überzeugte die Jury des von der Stadt Bendorf und der Stiftung Sayner Hütte ausgeschrieben Wettbewerbs zur Inszenierung des Hochofentrakts mit ihrem Ansatz ebenso wie den Stadtrat und wurde mit der Umsetzung beauftragt.

Das Konzept sieht vor, dass die Hütte etwa alle 20 Minuten zum Leben erwacht. Die visuellen Effekte sollen dabei mit unterschiedlichen technischen Elementen erzeugt werden: Lautsprecher für die Soundeffekte, lichtstarke Scheinwerfer für das Masselbett und den Schein des glühenden Eisens, Projektoren für die bewegte Darstellung wie die Umrisse der Stahlarbeiter sowie kleine bewegliche Modelle, die angestrahlt werden und so beispielsweise die nicht mehr vorhandenen Wasserräder visualisieren. „Es geht uns nicht nur darum, hier nur den technischen Ablauf verständlich zu machen, sondern wir möchten den Besucher auch emotional ansprechen. Er soll die Mühe der Arbeit, die Hitze, den Lärm der Maschinen spüren und die Besonderheit des Ortes erleben können“, erklärt Ingo Zirngibel, Geschäftsführer von Jangled Nerves.

Außerdem sollen auch die für die Verhüttung verwendeten Bauteile, die heute nicht mehr in der Gießhalle vorhanden sind, sichtbar gemacht werden. Dafür werden im gesamten Hochofenbereich Markierungen angebracht, die den Grundriss eines fehlenden Bauteils wie beispielsweise des Kupolofens darstellen. Auf Bildschirmen, die über das Gelände verteilt sind, wird dann an diesen Stellen eine grafische Darstellung angezeigt. Der Betrachter kann so vor dem realen Hintergrund eine dreidimensionale Animation der fehlenden technischen Einrichtungen mit detaillierter Information zu den Funktionen, historischen Zusammenhängen und beteiligten Personen abrufen.

Dass der Hochofen für die weiteren Sanierungsarbeiten des Denkmalareals eine zentrale Bedeutung spielen soll, geht auf die neuesten Erkenntnisse der Bauforschung zurück. „Wir haben entdeckt, dass der Hochofen mit Rohrleitungen ausgestattet war, die an der oberen Öffnung mit einem damals neuen Röhrenapparat das entweichende heiße Gichtgas absaugte, dem Hochofenprozess zuführte und so zur Erhöhung der Schmelztemperatur beitrug. Dies führte zu einer wesentlichen Steigerung und Verbesserung der Roheisenproduktion. Diese Technik wird bis heute in modernen Hochofenwerken eingesetzt und wurde in Sayn erstmals in Deutschland angewendet“, sagt Bauforscher Rolf Höhmann vom Büro für Industriearchäologie Darmstadt.




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Aufgrund dieser Erkenntnisse vermutet man, dass die Sayner Gießhalle nicht nur wegen ihrer epochemachenden Architektur einen herausragenden Denkmalwert besitzt. Denn der technisch-innovative Charakter des in Sayn konstruierten Hochofens war so evolutionär, dass er die Entwicklung der deutschen und europäischen Montanindustrie nachhaltig beeinflusst haben muss. Deshalb haben sich die Stadt Bendorf und die Stiftung Sayner Hütte dazu entschieden, dem Hochofen bei der anhaltenden Sanierung mehr Bedeutung einzuräumen. Dazu gehört auch der Rückbau des Hochofengebäudes auf den ursprünglichen Zustand von 1830. In den 1970er Jahren hatte man im Bereich des Hochofentraktes einige von der ursprünglichen Form abweichende Deckenebenen und Wände eingebaut.

Die geplanten Maßnahmen zum Umbau innerhalb des Hochofentraktes sind wesentliche Voraussetzungen, um die Hütte und ihre ursprünglichen Funktionen verstehen zu können. „Die Ästhetik der Westfassade wird künftig durch den authentischen Baukörper des Hochofens mit modernen Interpretationen ergänzt. Gleichzeitig können wir dabei die unterschiedlichen Ebenen barrierefreie erschließen“, erklärt Diplom-Architekt Thomas Steinhardt des Bendorfer Architekturbüros Heinrich & Steinhardt, das die Planungen für den Umbau erstellt hat. Thomas Metz, Generaldirektor der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, ist sich sicher, dass der Rückbau des Hochofengebäudes auf die authentische Form die richtige Entscheidung ist. Nur so seien Gießhalle und Hochofengebäude begreifbar.

Bendorfs Bürgermeister Michael Kessler ist überzeugt von den Konzepten für die Sanierung des Bauwerkes und dessen Inszenierung. „Wir müssen über den Tag und das Hüttengelände hinaus denken und handeln. Die Sayner Hütte ist mehr als ein musealer Ort, es geht uns darum, die Geschichte lebendig und erlebbar zu machen. Die Sayner Hütte soll als Ort von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahrgenommen werden. Wir werden in wenigen Jahren sehen werden, welche große Strahlkraft die Sayner Hütte für die Region und weit über deren Grenzen hinaus entwickeln wird.“

Die Umbauarbeiten und die Sanierung des Hochofengebäudes haben bereits begonnen und werden voraussichtlich bis Ende 2018 dauern. Die Gießhalle wird auch während dieser Zeit für Veranstaltungen genutzt werden können. Lediglich ein kleinerer Teilbereich wird für den Umbaubereich abgetrennt. Im Frühjahr 2017 werden die nutzbaren Gebäude auf dem Denkmalareal für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Am 28. April eröffnet die sogenannte „Krupp’sche Halle“ als Besucherzentrum und Veranstaltungsstandort. Dann läuft in Sayn der regelmäßige kulturtouristisch Betrieb an, für den dann die Stiftung Sayner Hütte zuständig sein wird.


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