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Nachricht vom 17.12.2016    

Lese-Geschichte zum 4. Advent

Alle Weihnachtsgeschenke gekauft und verpackt? Oder noch im Stress auf der Suche nach dem ultimativen Geschenk? Eine Geschichte zum 4. Advent, die wirklich so geschah, haben wir aus dem Buch "Kölsche Weihnachtsfreude" des Wissener Autors Ludwig Kroner ausgewählt. Diese Geschichte lässt innehalten.

Foto: Archiv AK-Kurier

Wissen/Region. Warum steht bei der Geschichte ein Untertitel (Markus 12/Vers 41-44) und was hat das mit Weihnachten und der Adventszeit zu tun? Ludwig Kroners knappe Antwort: "Lies doch selbst! So kommt die Bibel noch mal zum Einsatz".

Der frühere Polizeikommissar und Polizeiseelsorger in Köln schrieb 24 Geschichten zur Weihnachtszeit und versah sie jeweils mit Rezepten und Koch/Backanleitungen. "Kölsche Weihnachtsfreude" ist Lese- und Vorlesebuch mit vielen facettenreichen Geschichten.
Die Geschichte zum 4. Advent geschah, die Namen sind natürlich geändert. Die Kuriere dürfen mit Genehmigung des Autors und Verlages vier Geschichten veröffentlichen. Hier kommt unsere letzte Geschichte:

"Polizeihauptmeister Josef Schmider hatte Dienstende. Während er seine Dienstpistole ins Waffenfach legte, seine Uniform auszog, in die Jeans und den Norwegerpullover schlüpfte, dachte er nach. Was wollte er seinen beiden Töchtern Ursula und Irmgard zu Weihnachten schenken. Ursula war jetzt dreizehn Jahre alt und Irmgard wurde im Januar sechzehn. Letzten Samstag war die Nikolausfeier des Sportvereins gewesen, in dem Josef ehrenamtlich als Trainer für die Jugendfußballmannschaften tätig war und Irmgard in der B-Junioren-Frauenmannschaft im Tor stand. Ihr großes Idol war Nadine Angerer, die ihrer Meinung nach beste Torwartin der Welt aller Zeiten war. Auf dieser Nikolausfeier erlebte Josef den größten Schock, den man einem liebenden Vater antun kann. Irmgard stellte ihm ihren ersten Freund vor, Stefan, den Linksaußen von den A-Junioren. Da wusste Josef, dass sein Irmchen nicht mehr das kleine Mädchen war, sondern erwachsen wurde. Ursula kam langsam in die Pubertät. Sie selber nannte sich „die Zicke“, womit sie leider auch recht hatte.

Was konnte man oder genauer er den beiden zu Weihnachten schenken. Es sollte etwas sein, worüber sie sich wirklich freuten, was aber seinen finanziellen Rahmen nicht sprengen sollte, denn das kleine Reihenhaus, welches Josef und seine Frau Elisabeth für sich und die Kinder am Kölner Stadtrand gekauft hatte, belastete noch immer sei nicht üppiges Polizistengehalt. Aber mit dem, was Lisa als Sprechstundenhilfe dazu verdiente, kamen sie über die Runden.

Vor dem Spind daneben zog sich Rainer um, mit dem er heute acht Stunden zusammen im Streifenwagen verbracht hatte. Es war ein ruhiger Spätdienst gewesen. „Rainer, hast du eine Idee, was ich meinen beiden Mädels zu Weihnachten schenken könnte? Also ich meine nicht ein Smartphone oder Ähnliches.“ Rainer, der selbst drei Kinder hatte, hatte auch eine gute Idee.

„Jupp, ding Ursel es doch Pädsjeck. Schenk im doch en Woch op enem Hoff met Päd.“
„Rainer, das ist doch viel zu teuer. Du weißt doch, wie es seit dem Hauskauf bei uns aussieht. Reiterferien können wir uns nicht leisten“, entgegnete Josef.

„Dat weiß isch, evver isch han do en Idee. Isch han ene Kusäng en dr Eifel, dä hät ene Hoff und dä hät Päd. Nevven dä Landwirtschaff hät dä noch zwei Ferijewohnunge un immer a paar Lück us der Stadt, die do rigge kumme. Isch künnt mer vürstelle, wenn dat Ursel do jet em Stall met anpack, dat minge Kusäng üvver et bezahle met sisch schwade löß.“

„Rainer, die Idee ist nicht schlecht. Da müssen wir morgen im Dienst einmal drüber reden. Aber, was schenke ich der Irmgard?“

„Do häs mer doch selvs verzallt, dat ding Irmsche jetz ene Tünnemann hätt. Un beide spille Fußball. Jevv inne doch dat Jeföhl, dat de se erns nimms. Spring üvver dinge Schatten. Schenk dinger Dochter doch ene Daach met däm Tünnemann zesamme. Schenk inne zwei Kaate für dr FC, un aanschleßend e jemeinsam Esse ohne die Eldere. Do reschnet se bestemp nit met.“

„Ach, Rainer, es ist doch gut, wenn man Freunde hat. Jetzt will ich aber nach Hause, es ist schon viertel nach zehn und morgen habe ich Tagesdienst. Das heißt, um halb acht bin ich wieder hier. Tschüss Rainer und vielen Dank für die Tipps.“

Eine Viertelstunde später stand Josef mit seiner Vespa PX 200 auf der Frankfurter Straße vor einer rot zeigenden Ampel. Das letzte, was er hörte, waren die quietschenden Bremsen eines Kleinlasters, dessen Fahrer die rote Ampel zu spät bemerkt hatte. Durch die Bremsung rutschte das Fahrzeug nach rechts und der Außenspiegel traf Josef Schmider mit seiner ganzen Wucht im Genick. Der alarmierte Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.

Der Wachwechsel am Morgen war gespenstisch. Niemand redete ein Wort. Auf dem Tresen der Wache lag Jupps Mütze. Am Abend zuvor hatte er sie im Schreibraum vergessen. Jemand hatte einen Trauerflor daran gebunden und eine Kerze daneben gestellt. Der Satz „Jupp ist tot“ schwebte unausgesprochen im Raum. Bei der Dienstbesprechung um viertel nach acht verlas der Wachdienstleiter die nüchternen Fakten und Umstände des Todes des bei allen beliebten Kollegen. Danach folgt eine Schweigeminute.

Dann brach es aus Rainer heraus: „Su künne mer dat nit ston loße. Mer künne dat Elisabeth un die zwei Mädscher nit em Riss loße. Jestern Ovend ham mir zwei noch verzallt, wat hä inne zum Chresdaach schenke künnt un dat em Orenbleck bei inne de Kass jet mauh wör. Mer müsse do jet dunn.“

„Zur Zeit ist der Inspektionsleiter bei Elisabeth zu Hause. Er ist heute Nacht schon informiert worden und dann auch sofort gekommen. Er versicherte, dass die Behörde und das Polizeisozialwerk sofort unbürokratisch helfen würden. Ich selbst habe eben schon bei Cop Care angerufen. Für die, die den Verein nicht kennen, Polizisten helfen Polizisten und ihren Familien, die durch Unfälle oder Straftaten unverschuldet in Not geraten sind. Die wollen sich auch darum kümmern. Das bedeutet aber nicht, dass wir nichts tun müssen. Rainer, du kanntest ihn am besten, stell mal zusammen, was jetzt notwendig ist.“

Für Rainer stand eins aufgrund des Gesprächs vom gestrigen Abend sofort fest, die Dienststelle würde unter anderem die Weihnachtsgeschenke für die beiden Mädchen in diesem Jahr übernehmen. Es gab im Wachraum in der nächsten Stunde kein anderes Thema als die Hilfe für die Familie des verstorbenen Kollegen.

Niemand hatte auf Herbert geachtet, der auf der Bank gegenüber dem Wachtresen vor sich hindöste. Herbert war wohnungslos und jetzt im Winter fror er, vor allem nachts. Früher hatte er, wenn es ihm zu kalt wurde, vor der Wache randaliert um dann in der warmen Zelle die restliche Nacht zu verbringen. Mittlerweile kam er so auf die Wache, blieb eine Stunde um sich aufzuwärmen. Da er auf der Straße alles mitbekam, war er für die Beamten eine gute Informationsquelle geworden. Herbert, der sich selbst als „nicht sesshafter Philosoph“ bezeichnete, verdiente seinen Lebensunterhalt damit, dass er kleine Gedichte schrieb, auch im Auftrag, und diese dann verkaufte. Er hatte seinen Stolz, er wollte nichts geschenkt haben, nahm für seine Gedichte aber jeden Betrag an. Zwischen Herbert und den Beamten gab es eine gut funktionierende Symbiose: Informationen gegen Wärme und ab und zu mal einen Kaffee.

Aus seiner abgewetzten Umhängetasche kramte er einen Bleistift und seinen kleinen Schreibblock. Er begann zu schreiben. Niemand achtete auf ihn, als er aufstand, das beschriebene Blatt vom Block abriss, es zusammen mit dem Inhalt seiner rechten Jackentasche auf die Theke legte und ging. Heribert weinte. Einige Minuten später fand Rainer das Blatt und die danebenliegenden 37,82 Euro. Er las:

Für Joseph von Herbert:
Er war echter Schutzmann, nicht nur Polizist
was genau genommen auch viel besser ist,
er war Schutz für alle, auch die Wohnungslosen
für ihn waren wir Menschen, gleichwert wie die Großen,
er war immer korrekt, war nie überheblich,
ein Mensch mit Herz, wie man sucht oft vergeblich.
Ich geb, was ich habe, mein Tagessalaire,
es ist nicht viel, doch ich habe nicht mehr.
Gebt`s seinen Kindern zum Weihnachtsgeschenk bei
Und sagt ihnen, dass es von Herbert, dem Penner sei.



Hier das Rezept: Josefs Lieblingsgericht, geeignet um es in 9 Minuten in der Kaffeeküche der Wache mittags zuzubereiten. Für vier Personen unter fünf Euro (Discounter).

Spagetti mit Lauch und Lachs

500 g Spagetti
1 große Stange Lauch
200 ml Sahne
1 Paket Räucherlachs

Spagetti in Salzwasser kochen. Zwischenzeitlich Lauch in Scheiben schneiden. In wenig Öl anbraten. Mit Sahne ablöschen. Den Lachs (den billigen, ohne Plastik zwischen den
Scheiben) in Streifen schneiden und kurz unter die Lauch-Sahne-Mischung rühren. Falls nötig (Lauch und Lachs haben sehr viel Eigengeschmack) mit gekörnter Gemüsebrühe und Pfeffer abschmecken. Auf tiefen Tellern anrichten.

Anmerkung: bereits nachgekocht: Schmeckt köstlich. Bibelstelle auch gefunden und gelesen. Textzeilen machen Sinn, gerade in der Weihnachtszeit. (hws)

Kölsche Weihnachtsfreude, 24 Adventsgeschichten von Ludwig Kroner. Das Buch ist erschienen im Verlag Mathias Lempertz, Königswinter, Edition Lempertz, 119 Seiten, ISBN 978-3945152-61-4, kostet 14,99 Euro und ist über den Buchhandel zu beziehen.



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