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Nachricht vom 26.05.2016    

Packende Lesung mit Annegret Held in Marienthal

Im Rahmen der 15. Westerwälder Literaturtage der Landkreise Altenkirchen, Neuwied und Westerwald las die aus Pottum in der Verbandsgemeinde Westerburg stammende Autorin Annegret Held aus ihrem neuesten Roman „Armut ist ein brennend Hemd“. Die besonders atmosphärische Veranstaltung in der Scheune des Hofcafés Heinzelmännchen moderierte der Literaturreferent des Landes Rheinland-Pfalz, Michael Au.

Annegret Held mit ihren Eltern. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Hamm-Marienthal. Die Programmleiterin der Westerwälder Literaturtage, Maria Bastian-Erll, freute sich über die Zusage des Kulturreferenten zum „Westerwälderischsten Abend“ der Literaturtage, denn „Au moderiert nur hochwertige Literatur“. Nach dem Motto „Es gehen viele geduldige Schafe in einen Stall“, musste das Publikum eng sitzen in der übervollen Scheune des Obersalterberger Hofs, so eng, dass selbst Landrat Michael Lieber draußen vor der Tür stand. Drinnen strahlten die Lehmgefache des Fachwerkgebäudes noch die Kälte des Winters aus. So fiel es den Besuchern leicht, sich in die ungemütliche Zeit im 19. Jahrhundert und die ärmlichen Wohnverhältnisse der Westerwälder Landbevölkerung zu versetzen.

Michael Au versprach einen „ganz wunderbaren Abend mit einer der besten und unprätentiösesten Autorinnen in Rheinland-Pfalz. Die 1962 in Pottum am Wiesensee geborene Annegret hatte schon früh das Berufsziel Schriftstellerin, daher wollte sie Erfahrungen in der Welt sammeln, um darüber schreiben zu können. Über ihre Erlebnisse als Polizeihauptwachtmeisterin in Hessen schrieb sie ein Buch, das Aufmerksamkeit erregte. Parallel zu ihrem Studium der Ethnologie und Kunstgeschichte arbeitete die alleinerziehende Mutter in einer Anwaltskanzlei, im Pflegebereich und als Luftsicherheitsassistentin. „Ihre Romane rücken den Alltag von Menschen ins Zentrum, die sonst in der Literatur am Rande stehen, weil sie auch sonst am Rande stehen.“ Der Band „Armut ist ein brennend Hemd“ ist der zweite Teil einer Westerwald-Trilogie. Der fiktive Ort Scholmerbach in Helds Romanen sei leicht als Pottum erkennbar, verriet Au.

Annegret Held las bei ihrem Heimspiel in Gegenwart ihrer Eltern überwiegend im Wäller Dialekt, denn diese Sprache sei am Aussterben. Als die Zuhörer bestätigten, dass sie alles verstehen, jubelte die Autorin: „Eysch sein dahom!“

Am 15. August 1806 war Scholmerbach über Nacht französisch geworden. Finchen war elf Jahre alt und trug ihr Festtagskleid. Tante Helmine mit Dotz und fauligem Zahn schlug das Mädchen immer wieder mit heimlichem Genuss. Pfarrer Vinzenz betete ab jetzt jeden Sonntag für den Kaiser der Franzosen…

Im nächsten Lese-Ausschnitt war Finchen 17-jährig bei der Hochzeitsfeier von Gottfried und Lina. Die Gäste hatten schon viel vor der Hochzeit getrunken, Trunksucht war im Westerwald verbreitet. Finchen war in Konrad verliebt, der bei den Franzosen in der Schlacht eine Kopfverletzung erlitten hatte und daher nicht mehr ganz richtig im Kopf war…

Die Hungersnot im Westerwald 1848 war so schrecklich, dass die Männer dem Herzog von Nassau einen Bitt-Brief schrieben. Die Herzogin schickte etwas Geld nach Scholmerbach. Da die tragische Hungersnot so einfühlsam und ausführlich geschildert worden war, las Held danach „etwas Lustiges, sonst schmeckt Ihnen das Essen nicht.“ Michael Au äußerte Zweifel, ob der nächste Lese-Ausschnitt den Appetit steigern könne, denn es handelte sich um eine makabre Friedhofszene: Durch ein gewaltiges Gewitter wurden die Gebeine der vielen verhungerten Dörfler aus den Gräbern gespült. Wie der katholische Pfarrer und das abergläubische Bettchen auf diesen Anblick reagierten, war tatsächlich sehr erheiternd und die Zuhörer gingen guten Muts in die Pause.

Im Hofcafé Heinzelmännchen gab es leckere Westerwälder Spezialitäten zu kosten wie Klöße mit Specksauce, Brot mit Eierkäs und Dippekuchen mit Apfelmus. „Die Gedanken sind frei – yeah!“ und „Westerwald, du bist so schön – wow!“ und „Dieses Fleckchen Erde“, sang das jugendliche Ensemble „VolxMusik“ anfangs traditionell, dann rockig und rappend.

Nach der Pause stellte Michael Au Fragen an die Autorin. So erfuhren die Besucher, dass der Titel des Buches einem Dialog zwischen den Eheleuten Finchen und Konrad am Ende des Romans entstammt. Held berichtete über ihre Recherchen: Es habe so viele kleine Dörfer gegeben, die verschwunden seien. Räuberbanden hielten einen regelrechten Räuberkongress ab, der Wald war gefährlich. Sie habe so viel Recherchematerial, dass sie denke: „Es gibt wohl statt einer Trilogie eine Vierologie oder Fünfologie. Aber: Ich muss no ooofange!“

Mittels Schwarz-Weiß-Bildern erläuterte Annegret Held die Entstehungsgeschichte ihres Romans. Sie gestand, sie nehme immer jemand aus dem Dorf, zum Beispiel Finchen. „Die Charaktere müssen stimmen.“ Sie habe die Kirchenbücher in Limburg studiert und sei auf einen spannenden Eintrag gestoßen über eine Susanna Schamp, geboren in Pottum, verheiratet in London, gestorben in Australien. Diese Susanna war eines der verkauften Kinder. Aus großer Not schickten Familien ihre Kinder als singende Attraktion mit Händlern mit. Sie verkauften Besen oder Fliegenwedel aus Hühnerfedern in Holland, Frankreich und London. Held zeigte Zeitdokumente von Familie Dapprich, Herzog Adolf von Nassau, Meckes (Kiepengänger), Dörfern im westerwald und Straßen in London, um den Zuschauern die Zustände im 19. Jahrhundert nahe zu bringen. Held war selbst in London, um sich die dortigen Schauplätze anzuschauen. Drei Schwestern aus dem Westerwald lebten dort in einer Armenunterkunft. Susanna Schamps Name tauchte auf einer Passagierliste nach Australien auf. Held gelang es tatsächlich, die Urenkelin dieser Frau in Australien ausfindig zu machen und das Grab der ehemaligen Pottumerin und ihres in Deutschland geborenen Ehemanns zu besuchen.

Trotz des Angebots der Autorin: „Wenn irgendjemand kalt ist, der kann auch gehen. Ich bin nicht beleidigt.“, ging niemand vorzeitig weg, denn das Lese-Erlebnis war ein Gesamtkunstwerk mit einer äußerst sympathischen und authentischen Schriftstellerin, die genau weiß, wovon sie schreibt und spricht und die Zeitgeschichte und Lebensgeschichte packend vermittelt.

Landrat Lieber sagte zum Abschluss, er habe das Buch gelesen, als das Flüchtlingslager Stegskopf mit Flüchtlingen gefüllt gewesen sei. Man habe sich immer gefragt, warum so viele junge Männer flüchten. Bei der Lektüre des Romans sei ihm klar geworden, dass in Syrien genau wie damals im Westerwald die Familien alles Geld zusammenlegten, um dem stärksten Spross der Familie im Ausland ein Überleben zu ermöglichen. (htv)


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