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Nachricht vom 18.01.2014    

Über Raiffeisen und die Arbeiterfrage

Einmal mehr hat sich Albert Schäfer aus Willroth mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen beschäftigt. Thema seiner jüngsten Publikation: „Friedrich Wilhelm Raiffeisen und die Arbeiterfrage“. Erneut haben die drei heimischen Genossenschaftsbanken in der Nachfolge Raiffeisens die Herstellung des Werkes unterstützt.

Präsentieren ein neues Kapitel in der Raiffeisen-Forschung: (von links) Westerwald Bank-Vorstand Dr. Ralf Kölbach, der Autor Albert Schäfer und Martin Leis, Vorstand der Raiffeisenbank Neustadt. (Foto: Westerwald Bank)

Altenkirchen/Willroth. Schon als Albert Schäfer für sein 2012 erschienenes Büchlein „Friedrich Wilhelm Raiffeisen und das Wiedische Fürstenhaus" die Rolle des Fürstenhauses bei der Verwirklichung der genossenschaftlichen Ideen Raiffeisens (1818 - 1888) untersuchte, reifte im Zuge der Quellensichtung die Überzeugung, dass es noch ein weiteres Thema in der Raiffeisen-Forschung gab, dem er sich widmen wollte. Das Ergebnis liegt mit seinem aktuellen Werk „Friedrich Wilhelm Raiffeisen und die Arbeiterfrage“ vor. Auf über 60 Seiten analysiert der Willrother Heimatforscher und Kenner des in Hamm an der Sieg geborenen Genossenschaftsgründers, wie dieser die soziale Frage seiner Zeit bewertete: „Die Arbeiterfrage ist die wichtigste aller Tagesfragen“, so ein Zitat Raiffeisens von 1874.

Erneut haben die drei heimischen Genossenschaftsbanken in der Nachfolge Raiffeisens - die Westerwald Bank, die Volks- und Raiffeisenbank Neuwied-Linz sowie die Raiffeisenbank Neustadt - die Herstellung des Werkes unterstützt. Dr. Ralf Kölbach von der Westerwald Bank und sein Vorstandskollege der Raiffeisenbank Neustadt, Martin Leis, zeigten sich zuversichtlich, dass damit eine weitere Lücke in der Raiffeisen-Forschung geschlossen werden konnte. Ausdrücklich dankte Albert Schäfer den Vertretern der drei Banken bei der Vorstellung in Altenkirchen. Das Buch kann über die jeweiligen Geschäftsstellen bezogen werden.

Absage an Marx und Engels

Keine Frage: Als Genossenschaftsgründer und Kommunalpolitiker, der auch die Schul- und Volksbildung sowie die regionale Infrastruktur im Blick hatte, ist Raiffeisen allenthalben bekannt. Doch trieb ihn die Arbeiterfrage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls um, wobei er die Arbeiterschaft sehr breit definierte: Kleinbauern, deren Betriebe lediglich die Erzeugung des eigenen Familienbedarfs decken sollten, zählte er ebenso dazu wie Knechte und Mägde - mithin jenen Teil der Bevölkerung, der schnell in Gefahr geriet, sich zum ländlichen Proletariat zu entwickeln. „Der Arbeiterschaft in ihrer Gesamtheit keine soziale Absicherung zu verschaffen, betrachtete Raiffeisen als eine für den Fortbestand von Staat und Gesellschaft gefährliche Vernachlässigung. Die sozial ungesicherte Arbeiterschaft, wie sie im 19. Jahrhundert im industriellen Bereich heranwuchs, implizierte für ihn politischen Zündstoff, wodurch die Gesellschaft leicht in ein Chaos gestürzt werden könnte“, schreibt Albert Schäfer. Mit den Denkschemata von Marx und Engels, „die im Umsturz der bestehenden Gesellschaftsstrukturen die wirtschaftliche Gesundung des sozial schwachen Arbeiterstandes zu finden glaubte“, habe Raiffeisen unterdessen nichts im Sinn gehabt. Kommunistischen, sozialistischen und sozialdemokratischen Ideen erteilte er - vergleichsweise undifferenziert - eine Absage und warnte vor der „Umsturzpartei“. Jede Form von Verstaatlichung kam für ihn zudem der Verachtung des christlichen Menschenbildes gleich.

Raiffeisen kannte die soziale Frage in Stadt und Land

Spätestens mit seiner Berufung auf die Bürgermeisterposition in Heddesdorf im heutigen Neuwied ab 1852 hatte sich bei Raiffeisen die Erkenntnis gefestigt, dass die Frage der sozialen Sicherung auch sein Handeln bestimmen müsse, war er doch jetzt mit der sozialen Situation des Arbeiterstandes auf dem Land wie im städtischen Umfeld vertraut. „Hier kam er erstmals nicht nur mit der Not der Landbevölkerung in Berührung, sondern wurde auch mit den Folgen der Industrialisierung konfrontiert“, erläutert Albert Schäfer. Eben hier kam es dann auch zum regen Austausch mit dem Fürsten Wilhelm zu Wied, den er selbst als seinen „Protektor“ bezeichnete und ohne dessen Hilfe er sein Lebenswerk nicht hätte verwirklichen können. „Beide einte die christliche Grundüberzeugung, aus der sie ihre Verantwortung für den Nächsten ableiteten: Wer wirtschaftlich dazu in der Lage ist, hat solidarisch und sozial tätig zu sein.“ Zudem habe Raiffeisen im Fürsten die Person erkannt, die durch ihre Beziehungen - Schäfer: „Heute sagen wir Vernetzung.“ - Türen öffnen konnte in Adel, Politik und Unternehmertum.



Raiffeisen wählte schließlich den Weg eines Versicherungssystems, das mit dem System der Darlehnskassen-Vereine eng verknüpft war. Das Ausgeliefertsein gegenüber damaligen Formen von Lohndumping, Unsicherheit des Arbeitsplatzes, unwürdiger Behandlung durch Vorgesetzte, Wohnungselend und Perspektivlosigkeit überzeugten Raiffeisen, dass man die Darlehenskassen-Vereine auch für die Arbeiter und die Kleinbauern zugänglich machen musste. Über die Vereine sollten sie die Möglichkeit haben, sich zu versichern. Bereits als Bürgermeister in Flammersfeld dürfte er zudem, so der Autor, die „Siegen’sche Bezirks-Knappschaftskasse“ kennen gelernt haben, die - speziell auf die im Hüttenwesen und im Bergbau Beschäftigten ausgerichtet - als frühes Vorbild und Beispiel sozialer Vorsorge galt. Praktisch gründete er dann kein eigenes Versicherungsinstitut der Darlehnskassen. Er brachte das Versicherungswesen der damaligen „Lebensversicherungs- und Ersparnisbank in Stuttgart“ in eine Kooperation mit der „Landwirtschaftlichen Generalbank“ und der „Landwirthschaftlichen Zentral-Darlehnskasse“.

Gedanklich vereint mit Ketteler, Held und Eberl

Albert Schäfer stellt aber noch weitere Aspekte mit Blick auf Raiffeisen und die Arbeiterfrage dar: Beispielsweise unternahm Raiffeisen 1880 im Auftrag der Regierung Preußens eine Reise nach Oberschlesien, um soziale Missstände zu analysieren und Vorschläge zu deren Beseitigung vorzulegen. Obwohl evangelischer Christ, hatte er sich auch intensiv mit den Lehren und Ansichten der katholischen Sozialreformer vertraut gemacht und deren Schriften offensichtlich, so Albert Schäfer, für seine Arbeit genutzt. Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811 - 1877) („Die Arbeiterfrage und das Christentum“), heute gemeinhin als Sozial- und Arbeiter-Bischof bekannt und damals Bischof von Mainz und zudem Zentrumspolitiker, gehörte dazu. Ausführlich beschreibt Schäfer die Parallelen zwischen Kettelers Aussagen zur Arbeiterfrage und Raiffeisens Analysen sowie seinen theoretischen und praktischen Lösungsansätzen. Auch Raiffeisens „Spiritus Rector“, Professor Adolf Held (1844 - 1880), damals Ordinarius für Staatswissenschaften an der Universität Bonn und engagiertes Mitglied des 1873 gegründeten „Vereins für Sozialpolitik“, widmet sich das neueste Werk aus Schäfers Feder. „Adolf Held sah in den genossenschaftlich organisierten und arbeitenden Darlehnskassen-Vereinen den richtigen Ansatz zur Lösung der sozialen Frage im Allgemeinen und der Arbeiterfrage im Besonderen“, schreibt Schäfer. Ein Exkurs führt außerdem zu Friedrich Eberl (1843 - 1918), der als junger Theologe untersuchte, „welche Grundlage die Religion genossenschaftlichem Arbeiten geben kann. Seine Aussagen zur Bedeutung der christlichen Religion als sozialethischer Impulsgeber für genossenschaftliches Wirken ähneln“, so Schäfer, „in frappierender Deutlichkeit entsprechenden Gedankengängen Raiffeisens.“ (Andreas Schultheis)



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