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Nachricht vom 10.11.2013    

Gedenken an die Reichspogromnacht in Puderbach

Das Theaterensemble „Theattraktion“ gedachte in einer szenischen Lesung der Pogromnacht in Puderbach vor 75 Jahren. Die Texte zeigten, dass Judenhass und Judenverfolgung sich seit dem tausendjährigen Römischen Reich durch die Jahrhunderte zog.

Die Vorträge der Theattraktion wurden mit Bildern und Titeln verdeutlicht. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Puderbach. Bereits im Jahr 70 nach Christus, dem Jahr der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, fand in Caesarea Judenmord statt. Im tausendjährigen Deutschen Reich waren Juden in Puderbach betroffen. Die Schauspieler zitierten Tacitus aus dem Jahr 100 n. Chr., der eine in Ägypten ausgebrochene Seuche dem verheerenden Einfluss der Juden zuschrieb und forderte, „Die Juden, das den Göttern verhasste Menschengeschlecht, in andere Länder zu treiben.“ So wurden sie unter Führung von Moses in die Wüste geschickt.

Nicht nur die Römer agitierten gegen Juden. 1298 behauptete ein Ritter namens Rindfleisch, die Juden hätten Hostien geschändet und er habe den göttlichen Befehl erhalten, die Juden zu vernichten.

In Deggendorf galten solche Vorwürfe gegen die Juden bis 1992. Erst dann wurde die „Deggendorfer Gnad“, eine judenfeindliche Wallfahrt, abgeschafft. Im Jahr 1543 verkündete Martin Luther sieben Vorschläge, wie mit den Juden zu verfahren sei mit dem Fazit: Immer weg mit ihnen! Die Brüder Grimm schrieben 1816 über „Das von den Juden getötete Mägdlein“.

Die Verleumdung, Juden seien Kinderblutsäufer, ist inzwischen in den islamischen Antisemitismus eingedrungen. Im Römischen Reich, im Mittelalter und im Nationalsozialismus gab der Judenhass Gelegenheit, sich an der Minderheit zu bereichern und Schulden los zu werden.

Im 19. Jahrhundert verwandelte sich der religiös-kulturelle Antisemitismus in genetisch-populistischen Rassenhass. Wilhelm Buschs „Schmulchen Schievelbeiner“ aus „Plisch und Plum“ von 1882 wurde exemplarisch zitiert.

Hitler verschlang sozial-darwinistische Broschüren. Seine Anprangerung des Juden als geistiger Teufel gipfelte in der Pogromnacht vor 75 Jahren, in der in ganz Deutschland, so auch in Puderbach, Synagogen geplündert und angezündet wurden und Juden verschleppt wurden.

Im Alten Bahnhof zeigte eine kleine Ausstellung mit Dokumenten auf einem Ortsplan, wo einst die Häuser der jüdischen Mitbürger und ihre Synagoge gestanden hatten. Die Neuwieder Zeitung hatte am 9. August 1911 über deren Einweihung berichtet.




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Der Gemeinderat Puderbach fasste am 7. September 1936 eine weitreichende Entschließung. Aus der Erkenntnis „Die Juden sind unser Unglück“ beschloss der damalige Puderbacher Gemeinderat unter Bürgermeister Schäfer unter anderem:

- Der Zuzug von Juden wird hiermit untersagt.
- Gemeindeaufträge werden nicht an solche Volksgenossen vergeben, die ihre Einkäufe bei Juden tätigen oder mit diesen Verkehr pflegen.
- Beamte, Angestellte und Arbeiter, die im Dienst der Gemeinde stehen, dürfen bei Juden nicht kaufen oder mit diesen Verkehr pflegen.

Mehrere Familien mit Namen „Wolff“ waren vor dem zweiten Weltkrieg in Puderbach zu Hause. So auch die Schriftstellerin Lotte Wolff, die in ihren Erinnerungen von dem Tag erzählt, an dem ihr Vater abgeholt wurde. Ein Haus stand in Flammen, die Synagoge. Lotte und ihre Mutter hörten, der Vater sei in Dachau. Das Kind war damals neun Jahre alt. Jüdische Bürger Puderbachs wurden in Köln gesammelt und in Lager verbracht: Theresienstadt war für viele Juden die erste Station auf ihrer Reise in den Tod. Im Grauen des Lagers komponierte Ilse Weber Lieder. „Theresienstadt“ wurde im Alten Bahnhof vorgetragen. Ebenso am Ende des Abends ihr Hoffnungslied: „Vertraue der Zukunft, verlier nicht den Mut. Die Welt wird wieder zum Garten….Denn alles wird gut.“

Die Akteure des Theattraktion zitierten Meldungen von Angriffen auf Synagogen, jüdische Friedhöfe und Menschen weltweit, die belegen, dass der Judenwahn und -hass heute noch nicht erloschen ist. In arabischen Ländern ist Antipropaganda alltäglich. Auch in Deutschland schwelt Judenfeindlichkeit weiter fort in etwa einem Viertel der Bevölkerung.

Dr. Martin Henn beendete den erschütternden Abend mit dem Appell, nicht wegzusehen und nicht zu schweigen, wenn Menschen verleumdet und verfolgt werden. Auf den Gesichtern der über 50 Besucher zeigte sich Betroffenheit und Nachdenklichkeit. Vor der Tür wurde noch über Stolpersteine in Puderbach diskutiert. Helmi Tischler-Venter


Lokales: Puderbach & Umgebung
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