Buchtipp: "Onkel Warfsmann und das Meer" - Geschichten aus Ostfriesland von Klaus-Peter Wolf
Von Helmi Tischler-Venter
Das neue Buch des Erfolgsautors Klaus-Peter Wolf zeigt eine neue Seite des Schriftstellers. Und doch bleibt er sich treu, denn er erzählt Geschichten, wie er es immer tut. Seine Liebe zum Geschichtenerzählen hat ihm sein ostfriesischer Onkel Warfsmann vermittelt, an den er sich voller Liebe und Dankbarkeit erinnert. Der kleine Klaus-Peter mochte dessen Geschichten und Verrücktheiten.
Norden. Der Onkel war aus Liebe von der Küste nach Gelsenkirchen gezogen und vom Seemann zum Bergmann geworden. Er liebte seine Frau Mia innig, aber er vermisste sein ostfriesisches Essen, die gute Meeresluft, die Freiheit und das zuverlässig wiederkehrende Wasser der Nordsee. Niederlagen oder Nackenschläge steckte er ostfriesisch weg, mit stoischer Gelassenheit. Die ostfriesische Behäbigkeit sah er positiv: „Wenn es Krieg gibt, geh nach Ostfriesland, Da kommt alles erst zwanzig, dreißig Jahre später.“
Solidarische Zusammenarbeit war ihm wichtig, denn „Seeleute fahren aufs Meer raus und Bergleute tief runter unter die Erde, um das schwarze Gold zu heben. Aber keiner von denen weiß, ob er lebend wieder zurückkommen wird. Man hofft es nur. Doch eins eint sie: Alle sind vollkommen aufeinander angewiesen.“
Der Onkel war dem kleinen Wolf eine Lebenshilfe in allen Lagen, der Fels in der Brandung. Seine Aktionen waren nicht unbedingt pädagogisch wertvoll, aber lebensecht, seien es Spiele, Kinofilme, Süßigkeiten, Pferdewetten, Angeln, ostfriesische Mathematik, Zinngießen und Asche lesen oder Schule schwänzen wegen Aufräumarbeiten nach einer Sturmflut. Die Damen der Familie waren sich einig, dass Warfsmann dem Jungen nur Mist beibrachte. Aber viele Mitschüler beneideten ihn um diesen Unterstützer-Onkel.
Sehr geschätzt wurden die handwerklichen Fähigkeiten des Ostfriesen, von dem man sagte, er könne alles reparieren und aus zwei kaputten Fahrrädern und einem Kofferradio ein neues Motorrad bauen. Ein Allheilmittel gegen Ärger, Schmerz und Heimweh war ein gemeinsamer Besuch an der Wasserkante, am Sehnsuchtsort Ostfriesland. Dort kannte der alte Seebär sich mit den Naturgewalten aus. Den Aufenthalt erarbeitete sich der finanzschwache Onkel durch Reparaturarbeiten bei Verwandten und Bekannten.
Seine Geschichten, die er dramaturgisch perfekt darbot, unterhielten und erfreuten den Jungen, der bereit war, dem geliebten Onkel, seinem Helden, alles zu glauben, auch wenn Tante Mia vieles als „Seemannsgarn“ bezeichnete. Immer bestärkte er den Kleinen in seinem Wunsch, Schriftsteller zu werden: „Folge deinem Traum, Klaus-Peter. Lass die anderen ruhig lachen. Du kannst es schaffen.“
Der Schüler Klaus-Peter passte nicht in das etablierte Schulsystem. Er litt als permanenter Sitzenbleiber-Kandidat unter Lehrern und durch seine schmächtige Figur unter Mitschülern. Onkel Warfsmann machte dem Kind immer Mut und gab ihm durch seine Geschichten Selbstvertrauen. Sein Credo lautete: „Menschen brauchen Geschichten, um die Welt zu erfassen und um nicht verrückt zu werden.“ Das Vorwort schließt Klaus-Peter Wolf mit der treffenden Aussage: „Ich gönne jedem Kind einen Onkel Warfsmann.“
Das gebundene Buch mit 117 Geschichten im Stil von Käpt’n Blaubär erscheint als Fischer Taschenbuch und ist am 23. September im Handel, ISBN 978-5-596-71350-9. Wer sehnsüchtig auf den nächsten Fall für Ann Kathrin Klaasen lauert, muss bis Februar 2027 warten, dann wird „Ostfriesenlüge“ erscheinen. htv
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