Pressemitteilung vom 05.09.2026 
Denkmalschutz in Gefahr: Wenn Abriss die Geschichte auslöscht
Zahlreiche Baudenkmäler in der Region stehen vor dem Abriss oder wurden bereits abgerissen. Ein Kommentar zum Tag des offenen Denkmals 2026 zeigt auf, welche Ursachen hinter diesem Trend stehen. Dabei geraten wirtschaftliche Interessen zunehmend in Konflikt mit dem kulturellen Erbe.
Unteres Mittelrheintal. Aktuell steht es um Denkmäler und historische Gebäude in der Region des Unteren Mittelrheintals nicht besonders gut. Zahlreiche Gebäude wurden oder werden derzeit zum Abriss freigegeben oder stehen zur Diskussion, darunter die Burg Steineck in Rheinbreitbach, das Mieshaus in Unkel, das Rheinhotel in Andernach und das ehemalige Hotel "Zum Anker" in Rolandseck. Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Vernichtung des kulturellen und historischen Erbes wieder an Fahrt aufnimmt.
Ursachen für den wachsenden Verlust historischer Bausubstanz
Als Gründe für diese Entwicklung gelten mehrere Faktoren. Zum einen hält sich seit Jahrzehnten der von Teilen der Bau- und Immobilienwirtschaft verbreitete Mythos, alte Gebäude seien grundsätzlich nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand sanierbar. Zum anderen hat sich die wirtschaftliche Situation vieler jüngerer Menschen verschärft: Fehlendes Eigenkapital und hohe Finanzierungskosten erschweren den Erwerb eines Eigenheims. Hinzu kommt der verbreitete Irrglaube, modernes Wohnen sei in alten Gebäuden grundsätzlich nicht möglich.
So entsteht ein Kreislauf, in dem renovierungsbedürftige historische Häuser zunehmend nicht mehr als erhaltenswerte Zeugnisse der Vergangenheit, sondern als Problem oder Schandfleck wahrgenommen werden. Ein Beispiel dafür ist der Kommentar eines Nutzers unter der Meldung über den bevorstehenden Abriss des Mieshauses in Unkel, der sich über das Verschwinden des vermeintlichen "Schandflecks" freute.
Rendite-Denken verdrängt kulturelle Wertschätzung
Wirtschaftlichkeit, Rendite und maximaler Gewinn seien vielerorts zu einem Dogma geworden, das die Wertschätzung der Kulturgeschichte verdränge. Ein historisches Gebäude werde häufig nicht mehr nach seinem kulturellen und identitätsstiftenden Wert beurteilt, sondern nach den verursachten Kosten oder dem erzielbaren finanziellen Ertrag. Auch die schwindende Bedeutung historischer Bildung trage zu dieser Entwicklung bei, da bei einer Reduzierung von Fächern wie Geschichte, Sozialkunde und Erdkunde im Schulalltag weniger Gelegenheit bestehe, jungen Menschen die historischen Zusammenhänge ihrer Umgebung zu vermitteln.
Verkaufsanzeigen sanierungsbedürftiger historischer Häuser zeigten einen Widerspruch: Die Geschichte eines Hauses werde gerne hervorgehoben, um einen hohen Verkaufspreis zu rechtfertigen, verliere jedoch beim tatsächlichen Erhalt häufig an Bedeutung. Der wirtschaftliche Wert eines historischen Gebäudes hänge dabei unmittelbar von seiner gesellschaftlichen Wertschätzung ab. Sinke die Bereitschaft, ein altes Gebäude zu erhalten, sinke auch die Zahl potenzieller Käufer, da ein Interessent kaum gleichzeitig einen hohen Kaufpreis zahlen und anschließend erhebliche Summen in die Sanierung investieren könne.
Von der Wertminderung bis zum Abriss
Bleiben notwendige Investitionen über Jahre aus, verschlechtert sich der Zustand eines Gebäudes, während der erwartete Verkaufspreis hoch bleibt. Interessenten springen ab, weil Kaufpreis und Sanierungsaufwand wirtschaftlich nicht mehr zusammenpassen, das Gebäude verfällt weiter, und aus einem sanierungsbedürftigen Haus wird schließlich ein vermeintlich nicht mehr sanierungsfähiges Haus. Am Ende steht der Abriss. Aus einem zunächst wirtschaftlichen Problem entsteht so ein kultureller Verlust.
Besonders problematisch sei es, wenn öffentliche oder kommunale Entscheidungsträger diese Entwicklung durch ihre Entscheidungen indirekt bestätigten, statt sie aufzuhalten. Denkmalschutz sei keine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern betreffe den gemeinsamen Lebensraum. Zwar gehöre ein historisches Gebäude rechtlich einem Eigentümer, seine Wirkung gehöre jedoch immer auch der Gemeinschaft, da eine historische Fassade eine Straße, ein Fachwerkhaus ein Dorf und ein Bahnhof einen Ort präge.
Warnung vor Identitätsverlust ganzer Regionen
Ändere sich an dieser Situation nichts, drohe über kurz oder lang ein erheblicher Identitätsverlust, nicht nur in Altstädten, sondern in ganzen Regionen. Was im Zweiten Weltkrieg im Bombenhagel nicht zerstört worden sei, drohe heute durch Kulturvergessenheit, wirtschaftliches Denken und fehlenden Erhaltungswillen verloren zu gehen. Dabei gehe es nicht darum, jede alte Scheune oder jeden historischen Anbau um jeden Preis zu konservieren, da sich eine lebendige Stadt oder ein lebendiges Dorf verändern dürfe. Veränderung bedeute jedoch nicht Zerstörung, sondern erfordere Kreativität, Investitionsbereitschaft und die Überzeugung, dass die Vergangenheit nicht wertlos sei.
Andernfalls würden Gebäude austauschbar, Fassaden beliebig und Ortsbilder gesichtslos werden, wodurch eine Umgebung ihre menschlichen Maßstäbe, ihre Eigenart und schließlich auch ihre Identität verliere. Der Tag des offenen Denkmals erinnere daran, dass Denkmäler mehr seien als alte Mauern, da sie Erinnerungen in Stein, Holz und Metall darstellten und Generationen verbänden. Diese Geschichten könnten jedoch nur erzählt werden, solange ihre Zeugnisse noch existierten. Erst wenn das letzte Denkmal gefallen und die letzte gewachsene Altstadt durch austauschbare Neubauten ersetzt worden sei, werde man erkennen, was tatsächlich verloren gegangen sei. (PM/KI/Red)
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