Sittler und von Bülow: Die Wahrheit über die Lüge mit Witz und Donner in der Abteikirche Rommersdorf
Von Helmi Tischler-Venter
Die Rommersdorf-Festspiele warteten am Samstagabend, dem 27. Juni, mit einem Highlight auf. Die Abteikirche war ausverkauft, weil Johann von Bülow und Walter Sittler in der Lesung „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ die Weltgeschichte der Lüge aufdröselten. Mit Ironie, Wortwitz und Literaturkenntnis klärten die beiden Schauspieler virtuos das Publikum über Lüge und Wahrheit auf.
Neuwied-Rommersdorf. Sittler und von Bülow fingen buchstäblich bei Adam und Eva an, denn die Sünde kam mit dem Teufel in die Welt, ausgerechnet auf dem Baum der Erkenntnis. Der vergnügliche, verbale Schlagabtausch förderte auch tiefenpsychologische Erkenntnisse zutage. So kommentierte Sittler Ausführungen seines Kompagnons mit dem süffisanten Hinweis: „Bei ihm gehören Männer und Götter in dieselbe Kategorie.“ Denn Religion ist keineswegs ohne Lüge, sondern „unsere Religionen zeigen oft gut gelogene Doppelmoral“. An dieser Stelle setzte ein lauter Donnerschlag eines durchziehenden Gewitters ein wohlinszeniertes Ausrufezeichen in der Prämonstratenser Abtei.
Der Mensch sucht nach Wahrheit, seit er denken kann. Auch Religion ist die Suche nach Wahrheit, allerdings darf man nie Pippin vergessen, der aus Angst vor der Hölle dem Papst Rom und Teile Italiens schenkte und dafür Krieg führte. Verbunden damit ist die „Konstantinische Schenkung“, ein im Namen des Herrn gefälschtes Dokument. Ergo: „Religion als System der Wahrheit gibt nicht viel her.“
Denker wie Platon, Galileo Galilei und Ptolemäus waren ebenfalls nicht fehler- und lügenfrei, im Gegenteil: „Historiker haben ihre Lügen durch den schönen Stil ihrer Berichte auf uns fortgepflanzt.“ Zur Familienaufstellung der Lüge fand Sittler: „Die Fantasie ist die schönste Tochter der Wahrheit“ und Bülow: „Die Lüge ist die Mutter der moralischen Feigheit.“ Einig waren sich die Männer in der Analyse, dass die meisten Lügen der Rettung sozialer Beziehungen dienen.
Die Kunst ist keineswegs frei von Lüge. Oscar Wilde verherrlichte sogar das Temperament des wahren Lügners: „Die Lüge ist das Fundament der zivilisierten Gesellschaft.“ Sittler grübelte: „Offenbar kommt der Mensch ohne Lügen nicht aus. Die Lüge ist überall!“
Im zweiten Teil des Programms konnte das Publikum Johann von Bülows Imitationstalent bei der Nachahmung von Politikern genießen sowie das Postulat: „Wer so fantasielos wie die Politiker ist, sollte sich direkt an die Wahrheit halten.“
Den Zehnphasen-Reiniger des Dementis veranschaulichten die Künstler anhand von bekannten Politiker-Lügen anschaulich und lustvoll. Die ästhetische Komponente beherrschen Hochstapler, die die Lüge zur Kunst werden lassen, zum Beispiel der Eiffelturm-Verkäufer Victor Lustig, Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin mit seinen Pappedörfern oder Kaiser Norton I., Kaiser der Vereinigten Staaten. Sittlers und von Bülows Resümee lautete: „Vielleicht sind Lügner Wahrheitssuchende mit anderen Mitteln.“
Der Text der Lesung, der ursprünglich zu Ehren von Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt konzipiert worden war, bereitete dem Neuwieder Publikum großen Spaß. Hitze, Gewitter und als Novum: krawattenlose Darsteller verliehen dem Genuss keinen Abbruch.
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