Mein erster Sommer mit Cannabis im Hausgarten: ein Erfahrungsbericht
Wenn mir vor drei Jahren jemand gesagt hätte, dass ich einmal Cannabis im eigenen Garten anbauen würde, hätte ich höflich gelächelt und das Thema gewechselt. Ich bin Mitte vierzig, lebe in einem Reihenhaus am Rand einer mittelgroßen Stadt, habe zwei Kinder im Teenageralter und einen vernünftigen Beruf. Was ich aufschreibe, ist also keine Subkultur-Story, sondern der Bericht eines ganz normalen Hausgartenbesitzers, der sich nach der Gesetzesänderung im April 2024 auf etwas eingelassen hat, das vorher tabu war.
Wie es anfing
Ausgelöst hat das Ganze ein Gespräch mit unserem Nachbarn, einem pensionierten Apotheker. Er hatte mir bei einem Glas Wein im Spätsommer erklärt, dass er Cannabis als Zierpflanze faszinierend finde, ganz unabhängig vom Konsum. Die Pflanze sei in ihrer Wuchsform, der Blattstellung und den Harzdrüsen botanisch hochinteressant. Außerdem, fügte er hinzu, könne man bei moderatem Eigenanbau die Qualität kontrollieren, statt sich auf undurchsichtige Quellen zu verlassen.
Das blieb in mir hängen. Nicht der Konsum-Aspekt, sondern die Idee, eine Pflanze von Grund auf zu begleiten. Im Winter las ich mich ein, abends nach der Arbeit, mit der Akribie, mit der ich vor Jahren ein neues Steuerprogramm verstanden hatte.
Die Sortenfrage
Was mich anfangs überfordert hat, war die schiere Vielfalt. Indica, Sativa, Hybrid, autoflowering, photoperiodisch, regulär, feminisiert. Drei Wochen Recherche später hatte ich verstanden: Für jemanden wie mich, der zum ersten Mal anbaut und drei legale Pflanzen ausreizen wollte, waren Feminisierte Hanfsamen die richtige Wahl. Sie ersparen einem die Sorge, dass am Ende männliche Pflanzen im Beet stehen, die keine Blüten ausbilden und obendrein die weiblichen befruchten würden.
Die Bestellung selbst war unspektakulär. Ich hatte mir verschiedene Anbieter angesehen und mich für einen entschieden, der seine Sorten ausführlich beschreibt und auch die Herkunft transparent macht. Bei Linda Seeds hatte mich vor allem überzeugt, dass die Sortenbeschreibungen ehrlich klingen und nicht wie Marketing-Texte. Statt Versprechungen über Rekorderträge gab es nüchterne Angaben zu Wuchsverhalten, Blütedauer und typischen Cannabinoid-Profilen.
Die ersten Wochen
Anfang Mai war der Startschuss. Drei Samen, drei kleine Anzuchttöpfe, ein Plätzchen am Südfenster meines Arbeitszimmers. Meine Frau hat das Ganze mit einer Mischung aus Skepsis und Belustigung verfolgt. Unsere Tochter, vierzehn, fand es eher peinlich. Unser Sohn, sechzehn, hat mit mir eine Vereinbarung getroffen: kein Konsum durch ihn, dafür darf er beim Gießen helfen und bei einem etwaigen Verkauf der Ernte nichts ahnen.
Zwei der drei Samen keimten nach drei Tagen, der dritte brauchte eine Woche, kam aber dann auch. In den ersten Wochen wuchsen die Pflanzen erstaunlich gleichmäßig. Nach vier Wochen waren sie etwa dreißig Zentimeter hoch, mit dichtem Blattwerk und kräftigem Stamm.
Der Umzug nach draußen
Ende Mai, nach den Eisheiligen, kamen die drei Pflanzen in den Garten. Hinter unserer Garage gibt es eine Ecke, die von der Straße aus nicht einsehbar ist, aber den ganzen Tag Sonne bekommt. Ich hatte vorher mit dem Vermieter gesprochen, der das Vorhaben mit einem schiefen Lächeln zur Kenntnis genommen hatte. Im Mietvertrag stand nichts dagegen, und mit dem neuen Gesetz war die rechtliche Lage eindeutig.
Die Pflanzen wuchsen über den Sommer auf eine Höhe, die mich am Ende selbst überrascht hat. Etwa eineinhalb Meter, dichter Wuchs, kräftiges Grün. Ich gestehe, dass ich zwei oder dreimal pro Woche dorthin ging, einfach nur um zu schauen.
Sommer im Beet
Der Sommer 2024 war regenreich, was den Pflanzen mal mehr, mal weniger gut bekam. Einmal entdeckte ich Spinnmilben an einem der Stämme. Eine Stunde mit Neem-Öl, einer Sprühflasche und vorsichtigem Wischen löste das Problem. Ein anderes Mal sorgte ein Hagelschauer für einige zerrissene Blätter. Die Pflanzen erholten sich.
Was ich nicht erwartet hatte, war die Reaktion meines Umfelds. Bekannte, die im Garten zu Besuch waren, reagierten unterschiedlich. Einige waren neugierig, stellten Fragen, wollten Fotos. Andere waren verlegen, taten so, als hätten sie nichts gesehen. Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft sprach mich beim Spaziergang an und sagte, sie habe Cannabis bei ihrem chronischen Rheuma probiert und sei dankbar für die neue Offenheit.
Die Ernte und was bleibt
Anfang Oktober war es soweit. Ich erntete an einem nebligen Samstagmorgen, schnitt vorsichtig die Hauptäste, hängte sie im trockenen Heizungskeller auf. Drei Wochen später war alles ausreichend getrocknet und kam in Einmachgläser zum Curen.
Den größten Teil habe ich verschenkt, an meinen Nachbarn den Apotheker, an einen Freund mit chronischen Schlafproblemen, an meine Schwester, die regelmäßig Migräne hat und gehört hatte, dass CBD-reiche Sorten manchmal helfen. Was zurückblieb, ist nicht primär der Ertrag, sondern die Erfahrung. Ich habe eine Pflanze von Grund auf begleitet. Ich habe gelernt, auf Blätter zu achten, auf Wuchs, auf Wetter. Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte, die ich hier erzählen wollte.
Für die nächste Saison habe ich mir vorgenommen, eine andere Sorte zu probieren, vielleicht eine CBD-dominante Variante, die meine Frau für ihre gelegentlichen Rückenschmerzen ausprobieren möchte. Vier Pflanzen werden es nicht, dafür sind die drei legal erlaubten Exemplare gerade richtig. Ein Hobby muss nicht groß werden, um Tiefe zu gewinnen. Das ist eine Erkenntnis, die der ganze Sommer mir mitgegeben hat. (prm)














