Wiedweg Etappe 6: Felstäler, ein sagenhafter Sänger und der Blick von der Weißenfelser Ley
Die sechste Etappe des Wiedwegs führt auf 17 Kilometern von Neustadt (Wied) durch die wildesten Abschnitte des mittleren Wiedtals nach Roßbach (Wied), durch das europäisch geschützte Natura-2000-Gebiet "Felsentäler der Wied", vorbei an einer Burgruine auf dem Felssporn, hinauf zu einem der unbekanntesten und schönsten Aussichtspunkte des Westerwalds und schließlich durch die Heimat eines sagenhaften Minnesängers, dessen Existenz bis heute ungeklärt ist.
Neustadt (Wied). Wer früh aufbricht, sieht Neustadt noch im Morgenlicht und merkt, dass dieser Ort mehr zu bieten hat, als ein erster Blick vermuten lässt. Vom Kirchplatz überquert man die Wied und folgt dem Flusslauf zunächst parallel auf der gegenüberliegenden Uferseite durch Eilenberg, bis die Strecke nach der Unterquerung der A 3 die Seite wechselt und bergauf in den Naturpark führt. Was folgt, ist der wildeste Abschnitt des gesamten Wiedwegs: Der Weg taucht ein in das Fauna-Flora-Habitat-Gebiet "Felsentäler der Wied", das mit 1.213 Hektar eine der bedeutendsten naturnahen Landschaften in Rheinland-Pfalz darstellt. Die Wied hat sich hier tief in die Schiefergebirgshochfläche eingeschnitten, die Täler sind windungsreich, die Hänge steil und felsreich. In den großflächigen Buchen- und Eichen-Hainbuchenwäldern finden Fledermäuse Sommer- und Winterquartiere und wer leise am Ufer geht, kann Wasseramsel, Prachtlibellen und - mit etwas Glück - sogar den seltenen Bitterling beobachten, der zur Fortpflanzung auf intakte Flussmuschelvorkommen angewiesen ist.
Hinter Wiedmühle empfängt die Burgruine Altenwied den Wanderer auf einem schmalen Felsgrat hoch über dem Tal, von dem aus die Wied früher auf drei Seiten die natürliche Verteidigungsmauer bildete. Das markanteste Bauwerk der weitgehend im Privatbesitz befindlichen Anlage ist der 17 Meter hohe, fünfeckige Bergfried, eine eher seltene Form im Westerwald, mit einer Grundfläche von 15 mal 9,5 Metern und einem Dach, das zuletzt 2020 erneuert wurde. Der wohnturmartig ausgebaute Bergfried stammt aus dem 12. Jahrhundert, im Hof der Hauptburg ist ein freigelegter Brunnen erhalten. Die Burg wurde niemals im Kampf eingenommen oder zerstört, geriet aber nach dem Tod des letzten Bewohners der Grafenfamilie zu Wied im Jahr 1690 in Verfall. Im Dreißigjährigen Krieg verwüsteten 1633 spanische Truppen die Anlage, und was noch stand, diente später als Steinbruch für den Bau des Schlosses Monrepos und die Festigung der Feste Ehrenbreitstein. Heute ist nur eine Außenbesichtigung möglich, aber der Blick von unten auf die Ruine über der Wied ist allein schon einen kurzen Stopp wert.
Kurz darauf teilt sich der Weg mit dem Westerwaldsteig, und gemeinsam leiten die beiden Fernwanderwege auf den vielleicht am wenigsten bekannten und doch schönsten Aussichtspunkt dieser Etappe: die Weißenfelser Ley. Der Name "Ley" stammt aus dem Keltischen und bedeutet schlicht "Fels" oder "Stein" und der Felssporn, der sich rund 250 Meter über dem Meeresspiegel erhebt, trägt diesen Namen zu Recht. Von oben blickt man hinunter in ein fast unberührtes Landschaftsbild: die Wied schlängelt sich in weiten Bögen durch das enge Tal, umgeben von dicht bewaldeten Hügeln in Schattierungen von Moosgrün bis Dunkelgrün, ohne Straßen oder Dächer, die den Blick stören. Eine einsame Bank und eine kleine Schutzhütte ein wenig höher stehen bereit, damit man den Moment länger auskosten kann. Wer hier ankommt, versteht sofort, warum dieser Aussichtspunkt als einer der besten Geheimtipps im ganzen Westerwald gilt.
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Vom Aussichtspunkt führt der Weg hinunter in das Wiedtal nach Roßbach (Wied), einer Gemeinde mit einer Geschichte, die viele überrascht: Denn Roßbach gilt als vermutlicher Geburtsort des sagenhaften Minnesängers Heinrich von Ofterdingen. Als historische Person ist dieser Dichter des 13. Jahrhunderts nie eindeutig belegt worden und doch rankt sich um seinen Namen ein geradezu erstaunliches Geflecht aus Literatur- und Musikgeschichte. In der "Großen Heidelberger Liederhandschrift" (Codex Manesse) taucht er als Teilnehmer des legendären Sängerkriegs auf der Wartburg auf, im Wettstreit mit Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. Novalis verarbeitete die Sage 1800 in seinem berühmten Fragmentroman "Heinrich von Ofterdingen" und schuf damit das Symbol der blauen Blume - das ikonische Sinnbild der deutschen Romantik. Richard Wagner wiederum setzte Heinrich mit dem Tannhäuser gleich und brachte den Sängerkrieg in seiner gleichnamigen Oper auf die Bühne. Ob dieser Minnesänger nun wirklich aus Roßbach stammte oder nicht: Der Ort trägt seinen Namen jedenfalls mit Stolz und erinnert an ihn mit einem Denkmal im Ortskern.
Wer noch Kraft hat, sollte vor der Einkehr in Roßbach den kurzen Abstecher zum Roßbacher Häubchen einplanen, dem Wahrzeichen des Ortes. Die 350 Meter hohe Basaltkuppe ist das Überbleibsel eines erloschenen Vulkans, dessen abgetragene Basaltsäulen noch immer über der Landschaft aufragen. Ab 1883 bauten hier die Gebrüder Moritz industriell Basalt ab, zunächst mit Brechstangen und Handarbeit, dann auf Loren und einer Bremsbahn. Ein besonderes Kapitel der Abbaugeschichte: Als die Basalt AG in Roßbach einen Großauftrag aus den Niederlanden erhielt, mussten zusätzliche Arbeiter ans Häubchen versetzt werden. Das Material wurde für den Bau des "Afsluitdijk" benötigt, jenes monumentalen Schutzdammes, mit dem die Niederlande zwischen 1927 und 1932 die Zuidersee trockenlegten. Der Basaltlehrpfad am Häubchen erklärt diese Geschichte und bietet gleichzeitig einen grandiosen Panoramablick ins Wiedtal und - bei klarem Wetter - bis in die Eifel und zum Siebengebirge.
Etappenziel Roßbach (Wied) empfängt mit zwei Hotels und einem Campingplatz, beste Voraussetzungen für eine entspannte Nacht vor der siebten Etappe. Die Rückfahrt nach Neustadt (Wied) ist mit der Buslinie 130 möglich. Die sechste Etappe ist mit 467 Höhenmetern Aufstieg und 17,1 Kilometern Länge die anspruchsvollste des gesamten Wiedwegs und wird daher offiziell als schwer eingestuft. Wer sich jedoch für die Weißenfelser Ley, die Burgruine und das Häubchen ausreichend Zeit lässt, wird am Ende dieser Etappe mit einem Gefühl belohnt, das kaum eine andere Wanderung im Westerwald zu bieten hat. Klar sein sollte, dass festes Schuhwerk und ausreichende Verpflegung Pflicht sind.
Tour-Informationen
Art: Fernwanderweg, Punkt-zu-Punkt (Etappe 6 von 8)
Schwierigkeit: schwer
Streckenlänge: 17,1 km
Dauer: rund 5,5 Stunden (ohne Abstecher)
Höhenmeter (Aufstieg): etwa 470 m
Höhenmeter (Abstieg): etwa 500 m
Markierung: blaues "W" auf weißem Grund
Wegebeschaffenheit Naturpfade, steile Waldwege, Felspassagen; nicht kinderwagen- oder rollstuhlgeeignet
Highlights: FFH-Gebiet "Felsentäler der Wied" (1.213 ha), Burgruine Altenwied (fünfeckiger Bergfried, 17 m, 12. Jh.), Weißenfelser Ley (Felssporn-Aussichtspunkt, ~250 m ü. NN), Roßbach (Wied) als vermutlicher Geburtsort des Minnesängers Heinrich von Ofterdingen, Roßbacher Häubchen (350 m, erloschener Vulkan, Basaltlehrpfad)
ÖPNV Rückfahrt: Buslinie 130 ab Roßbach (Wied) nach Neustadt (Wied) (tägl., rund 15-20 Min.)
Startpunkt: Neustadt (Wied), 53577 Neustadt (Wied) (Ev. Kirche / Kirchplatz)
Zielpunkt: Roßbach (Wied), 53547 Roßbach (Wied) (Bushaltestelle Zur Post)
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