Köhlerrunde Welschneudorf: Über Kelten, Römer und Köhler, die das Feuer hüteten
Die Köhlerrunde bei Welschneudorf im südlichen Westerwald ist ein knapp sechs Kilometer langer Themenwanderweg, der auf zwölf Stationen eine faszinierende Zeitreise durch drei Jahrtausende Menschheitsgeschichte bietet. Von einer keltischen Höhensiedlung über einen UNESCO-Welterbe-Limes bis hin zu den Meilerplätzen der Köhler aus dem 17. bis 19. Jahrhundert verbindet Weg Geschichte, Natur und digitale Erlebnisse.
Welschneudorf. Am Dorfplatz in Welschneudorf beginnt eine Wanderung, die erst auf den zweiten Blick ihre ganze Tiefe entfaltet. Denn Welschneudorf ist kein gewöhnliches Westerwaldörtchen: Die Gemeinde trägt den selbst gewählten Beinamen "Köhlergemeinde" und meint das damit vollkommen ernst. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert war die Herstellung von Holzkohle in Kohlenmeileranlagen die wichtigste wirtschaftliche Grundlage für die Familien des Ortes. Die von den Köhlern produzierte Holzkohle war bis zum Siegeszug von Braun- und Steinkohle die energetische Grundlage für die Verhüttung von Erzen aus der Region - ohne Köhler kein Eisenerz, ohne Eisenerz kein Handwerk, ohne Handwerk keine Dörfer. Eine Erkenntnis, die am Dorfplatz in einem kurzen erklärenden Text gleich am Anfang wartet und die Neugier für das Folgende weckt.
Der Weg beginnt mit einem Anstieg durch den Welschneudorfer Wald, der nicht nur schöne Buchenbestände bietet, sondern auch die erste Infotafel zur Waldgeschichte von der Eiszeit bis heute. Wer genau hinschaut, erkennt schon an den Baumarten, wie sehr der Wald hier von Menschenhand geprägt wurde: Wer Holz für den Meiler brauchte, mied die schwer spaltbaren alten Bäume und bevorzugte junge Triebe, die im sogenannten Hauberg-System im regelmäßigen Umtrieb auf Stock gesetzt wurden. Etwas versteckt, aber mit QR-Code und Infotafel deutlich markiert, liegt kurz darauf die Pinge, eine trichterförmige Geländeeintiefung als Spur eines frühen Erzabbaus. Wenn Bergleute ein Erzvorkommen verarbeiteten, das nahe der Oberfläche lag, gruben sie mit Keilhaue und Muskelkraft senkrecht in den Boden und folgten dem Erzgang in die Tiefe. Das zurückgelassene Loch, von der Zeit und dem Erdreich weichgezeichnet, heißt Pinge. Was heute wie eine harmlose Mulde im Waldboden aussieht, ist in Wirklichkeit ein mehrere Jahrhunderte altes Zeugnis, das zeigt: Auch auf den Höhen über Welschneudorf wurde einst Bergbau betrieben.
Wenig später erreicht man den ersten der beiden Meilerplätze der Runde. Runde, ebene Flächen im Wald, die auf den ersten Blick unscheinbar, auf den zweiten aber ein klares Zeugnis der Köhlerarbeit sind. Um einen Kohlenmeiler zu betreiben, brauchte der Köhler zunächst ein sorgfältig geschichtetes Holzgerüst von bis zu sechs Metern Durchmesser: Zunächst wurde eine Mittelstange als "Quandel" aufgestellt, um die herum Schicht für Schicht Holz aufgebaut und anschließend mit feuchter Erde abgedeckt wurde. Über eine bis zwei Wochen glimmte das Holz dann bei kontrollierter Hitze, ohne wirklich zu brennen, ein Prozess, den der Köhler im Alleingang rund um die Uhr überwachte. Alle zwei bis drei Stunden musste er Luftlöcher stechen oder stopfen, um die Temperatur zu regulieren. An der Farbe des austretenden Rauches - hellblau bedeutete zu kalt, gelblich-weiß zu heiß - erkannte er den Zustand seines Meilers. Wer auf einem Meiler ausrutschte und in die Glut fiel, trug oft Brandnarben für den Rest seines Lebens davon; ein Berufsrisiko, das in Welschneudorf als besonders groß galt, da die Köhler hier oft mehrere Meiler gleichzeitig betreiben mussten. Die neue Köhlerhütten-Replik am Meilerplatz, eigens für die Eröffnung des Weges gebaut, macht diesen einsamen Arbeitsalltag greifbar und die kostenlose "KöhlerrundeAR-App" setzt noch eines drauf: Wer das Smartphone an den Meilerplatz hält, sieht einen vollständigen Querschnitt des historischen Kohlenmeilers in realistischer 3D-Darstellung.
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Der Weg führt weiter über das Pfaffenholz und passiert einen alten Basaltsteinbruch sowie die Drei Kreuze, ein Bodenzeugnis, das im Lauf der Geschichte mehrfach umgedeutet und überformt wurde und an dem bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist, wen oder was es ursprünglich markierte. Dann öffnet sich das wohl beeindruckendste Kapitel des Rundwegs: der Aufstieg auf den Großen Dielkopf, eine unregelmäßig ovale Basaltkuppe auf 477 Metern über Meeresspiegel, die im Kern eine keltische Höhensiedlung aus der Latènezeit trägt. Oberflächenfunde aus Bronze und Gebrauchskeramik belegen, dass dieser Bergkopf bereits seit der späten Urnenfelderzeit aufgesucht wurde, also mindestens seit dem 10. Jahrhundert vor Christus. In der Latènezeit, zwischen etwa 500 und 15 vor Christus, bauten die Kelten hier einen konzentrischen Ringwall, der den Fuß des Dielkopfes auf der leichter zugänglichen West- und Südseite umzog und ihn zur Fliehburg ausbaute. Systematische Ausgrabungen hat es bislang nicht gegeben, die Kenntnisse des Ortes beruhen auf LiDAR-Auswertungen und Oberflächenfunden. Wer hier mit der KöhlerrundeAR-App auf den Boden schaut, kann die keltische Ringwallanlage in einer detailreichen 3D-Darstellung aus der Luft betrachten. Ein Moment, der das Bild dieser stillen Waldkuppe für immer verändert.
Vom Dielkopf aus geht es weiter zum nächsten Zeitsprung: dem Limes bei Welschneudorf. Der Obergermanisch-Raetische Limes - das größte archäologische Denkmal Deutschlands und seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe - verlief auch durch die Gemarkung Welschneudorf. Auf einem kurzen Stück zwischen der Gemeindegrenze zu Arzbach und dem Weißen Stein streifte die äußere Limeslinie das heutige Welschneudorfer Gebiet; aufgrund des regelmäßigen Turmabstandes von durchschnittlich 500 Metern werden zwei Wachtposten auf dieser Gemarkung vermutet. Die Ortslagen von Welschneudorf selbst gehörten nie zum Römischen Reich, der Limes war auch hier das, was er überall war: eine Grenzlinie, dahinter Römer, davor Germanen. Eine Infotafel am Wegpunkt erklärt den Verlauf und die Funktion dieser Grenzanlage, die auf einer Gesamtlänge von 550 Kilometern von Rheinbrohl bis nach Bayern reichte. Wer die Limesstrecke mit eigenen Augen sehen möchte, findet nahe Welschneudorf in Arzbach und Hillscheid original erhaltene Wall- und Grabenabschnitte.
Nach einem Abstecher zum Wildgraben und dem mittelalterlichen Hohlwegsystem, deren Spuren im Waldboden an die dichte Verkehrsinfrastruktur auch der nachrömischen Zeit erinnern, führt der Weg bergab zurück in den Ort, wo der zweite Meilerplatz und das Jagdhaus noch einmal an die Waldnutzung der Neuzeit erinnern. Am Ortsrand schließt sich der Kreis: zurück am Dorfplatz, nach gerade mal etwa 90 Minuten Gehzeit, dafür reich beladen mit 3.000 Jahren Geschichte. Die Köhlerrunde ist keine Tour für lange Wanderungen, sondern für neugierige Köpfe und genau darin liegt ihre Stärke. Natürlich ist auch bei einer kurzen Strecke festes Schuhwerk ein Muss! Und wer den Themenweg in allen Facetten genießen möchte, sollte auch ein Smartphone oder Tablet mit Internet dabei haben, um die Vergangenheit in der Gegenwart zu sehen.
Tour-Informationen
Art: Rundweg & Themenweg
Schwierigkeit: leicht bis mittel
Strecke: 5,8-6 km
Dauer: rund 1,5 Stunden
Aufstieg: 105 Höhenmeter
Familiengeeignet: Ja, besonders empfohlen mit App-Erlebnis (KöhlerrundeAR)
Beschildert: Ja, durchgehend mit QR-Code-Schildern an 12 Stationen
Beschaffenheit: Schotterweg, Naturweg, Asphalt
Besonderheiten: 12 Infostationen mit QR-Codes, kostenlose App KöhlerrundeAR und KuLaDig (Android & iOS
Startpunkt: Dorfplatz, 56412 Welschneudorf
Zielpunkt: wie Startpunkt
Hinweis: Öffnungszeiten, Preise oder Fahrpläne bitte tagesaktuell prüfen!
Download GPX-Datei & weitere Infos
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Haben Sie auch einen Wander- oder Ausflugstipp? Dann schreiben Sie uns gerne an westerwaldtipps@die-kuriere.info. Vielen Dank!
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