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Pressemitteilung vom 02.12.2022    

Den Fokus auf die Stärken richten: Arbeitsagentur unterstützt bei Inklusionsvorhaben

Trotz Fachkräftemangel scheuen sich noch immer viele Arbeitgeber vor der Einstellung von Menschen mit Handicap. Die Reha-Spezialisten der Arbeitsagentur Neuwied beraten und unterstützen nicht nur Arbeitgeber bei der Inklusion – in der Agentur selbst arbeiten auch viele Menschen mit Behinderung.

Gut angekommen: Florian Brendebach fühlt sich am neuen Arbeitsplatz bereits gut angekommen. (Foto: privat)

Region. Einer davon ist Florian Brendebach. Seit fast sechs Monaten arbeitet der 46-Jährige im Arbeitgeberservice. Er hat einen Bachelor in Wirtschaftspsychologie und einen Master in Organisationspädagogik. Und er sitzt seit 2004 im Rollstuhl. Zur Agentur für Arbeit kam er nach einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit, die während der Pandemie eintrat und die Neuorientierung dadurch erschwert war. „Der Reha-Spezialist der Arbeitsagentur rief mich an und informierte sich über meine berufliche Laufbahn und meine Vorstellungen“, sagt Brendebach. „Und dann ging alles recht schnell.“ Eine Stelle im Arbeitgeberservice war frei, er wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und überzeugte. Im Juni trat Florian Brendebach seine neue Stelle an, in Teilzeit und mit flexiblen Arbeitszeiten.

„Diese Möglichkeiten bietet die Arbeitsagentur allen Mitarbeitern. Herr Brendebach hat aufgrund seiner Behinderung keinen Sonderstatus bei uns im Team, und genau das war auch sein Wunsch. Die Einarbeitung war schon aufgrund seiner Qualifizierung überhaupt kein Problem“, sagt Ulrich Debus, Teamleiter des Arbeitgeberservice. Und die oftmals so gefürchtete zunehmende Digitalisierung wirkt sich bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen sehr positiv aus. So kann Florian Brendebach die Gespräche mit den Arbeitgeber-Kunden per Videokommunikation durchführen, hat ein Laptop mit Sprachsteuerung, um Eingaben trotz Einschränkungen in Handgelenken und Fingern schnell ausführen zu können und kann an zwei Tagen in der Woche aus dem Home-Office arbeiten.

Für seinen Arbeitsweg fährt er aus Koblenz mit einem Fahrdienst nach Neuwied, nachdem der Pflegedienst morgens da war. „Dann beginnt mein normaler Arbeitsalltag“, so Brendebach. Sprich: Die Betreuung von Arbeitgebern, Teamsitzungen, Netzwerkarbeit. Auch bei einer Messe war er bereits mit vor Ort. „Ich bin ein offener und neugieriger Mensch und mein Job macht mir wirklich Spaß. Daher freue ich mich über neue Impressionen.“

Stärkung des Wir-Gefühls
„Aus unserer Sicht bereichern Mitarbeiter mit Handicap die Agentur“, sagt Karl-Ernst Starfeld, Leiter der Neuwieder Arbeitsagentur. „Das Wir-Gefühl wird gestärkt, es werden Berührungsängste abgebaut und das Betriebsklima verbessert sich, wenn mehr Rücksichtnahme gefordert ist.“ Insgesamt arbeiten bei der Arbeitsagentur Neuwied elf Menschen mit Behinderung, das sind 8,8 Prozent. „Durch die vielfältigen Aufgaben und Möglichkeiten innerhalb der Agentur für Arbeit ist es für uns oft möglich, auch beeinträchtigten Menschen eine Chance zu geben, ohne auf Leistung zu verzichten. Meist sind keine oder nur geringe Modifizierungen notwendig, um eine erfolgreiche Inklusion zu erreichen.“

Denn nicht jede Behinderung ist sichtbar oder im Arbeitsalltag spürbar. Menschen mit Handicap können Rollstuhlfahrer sein, Blinde oder Menschen mit Down-Syndrom. Aber auch Menschen mit Krebs oder Diabetes können eine Schwerbehinderung haben. „Inklusion bedeutet für uns jedoch, den Fokus von diesen Einschränkungen zu richten und sich auf die Stärken und die Leistungsfähigkeit zu konzentrieren“, so Starfeld. Menschen mit Behinderungen sind oftmals sehr flexibel und kreativ. Sie sind es gewohnt, zu improvisieren, da sie häufig mehr bedenken, einplanen und organisieren müssen. Und – in Zeiten des Fachkräftemangels ein besonders wertvoller Fakt – die Loyalität zum Unternehmen ist meist besonders ausgeprägt und die Bindung eng: Menschen mit Behinderungen benötigen für die Jobsuche durchschnittlich rund 100 Tage mehr als alle anderen. Fühlen sie sich im Betrieb gut aufgenommen und akzeptiert, bleiben sie in der Regel langfristig.



Und damit für Arbeitgeber eine Inklusion von behinderten Menschen gelingt, gibt es bei der Arbeitsagentur so genannte Reha-Spezialisten. Für den Kreis Altenkirchen ist das Thomas Fritsch. „Leider profitieren Menschen mit Schwerbehinderung immer noch kaum von dem Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt“, so Fritsch. Gerade hier verhinderten so genannte „Denkschubladen“ die Berücksichtigung dieser Personengruppe für vakante Stellen. „Als hartnäckige Vorbehalte gegenüber der Beschäftigung werden immer wieder der besondere Kündigungsschutz, die Leistungseinschränkung der Person aufgrund ihrer gesundheitlichen Defizite und die damit verbundenen Kosten zum Einrichten eines entsprechenden Arbeitsplatzes genannt. Viele Arbeitgeber sind überrascht, wenn wir sie darüber aufklären, dass die Realität ganz anders aussieht.“

So haben Beschäftigte mit Behinderung im ersten halben Jahr keinen gesonderten Kündigungsschutz. Und darüber hinaus muss zwar das Integrationsamt dem Antrag des Arbeitgebers zustimmen, das tut es aber in 75 Prozent der Fälle. Außerdem gibt es verschiedene finanzielle und technische Lösungsmöglichkeiten, die den Unterschied zwischen Anforderungen des Arbeitsplatzes und möglichen Einschränkungen des Arbeitnehmers minimieren, wenn nicht gar ganz ausgleichen, Zuschüsse für die Eingliederung und vieles mehr. „In wirklich vielen Fällen kann man am Ende von einer Win-Win Situation für beide Seiten sprechen“, sagt Thomas Fritsch. Aktuell sind 534 schwerbehinderte Menschen in den Kreisen Neuwied und Altenkirchen arbeitslos – ein Potenzial, auf das es sich zu schauen lohnt.

Arbeitgeber, die daran interessiert sind, schwerbehinderte Menschen in ihrem Betrieb zu beschäftigen, erhalten von den REHA-Spezialisten in der Arbeitsagentur Neuwied vielfältige Unterstützung, angefangen von Möglichkeiten der finanziellen Förderung in der Einarbeitung bis hin zu Fördermöglichkeiten der notwendigen räumlichen oder technischen Voraussetzungen.
Für den Kreis Neuwied ist dies Einhard Strupat, Telefon 02631/891 209. Für den Landkreis Altenkirchen steht Thomas Fritsch als Reha-Spezialist unter Telefon 02681/955 737 zur Verfügung. (PM)


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