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Nachricht vom 16.08.2022    

Konstantin Wecker musste im Schlosshof Engers fünf Zugaben geben

Von Helmi Tischler-Venter

Das Open-Air-Festival mit dem Konstantin Wecker Trio auf der Bühne im Schlosshof Engers zog am Montagabend hunderte Fans an. Mit seinen kongenialen Mitmusikern Fanny Kammerlander am Cello und Jo Barnikel am Klavier gestaltete der Liedermacher einen langen musikalisch-poetischen Auftritt, der mit viel Applaus und Standing Ovations honoriert wurde.

Konstantin Wecker: Sein Publikum war in Engers hellauf begeistert. Fotos: Wolfgang Tischler

Neuwied-Engers. Vor der prächtigen Kulisse des Barockschlosses Engers und bei sehr angenehmen Temperaturen ließ sich das Angebot der Villa Musica vortrefflich genießen. Wecker, der seit über 40 Jahren auf der Bühne steht und inzwischen ergraut ist, blickte gut gelaunt auf gleichermaßen gealterte Zuschauerköpfe. Das Alter fordert auch von dem Künstler seinen Tribut: Nach dem Begrüßungslied „Den Parolen keine Chance“, ein Appell, den Hass durch Zärtlichkeit zu entmachten, mit Anklängen an Beethovens Neunte, bekannte der Sänger, dass er wegen eines Bandscheibenvorfalls hin und wieder komische Bewegungen machen und sitzen müsse.

Den vertrauten Novalis-Versen, die er vertonte, habe er als Romantiker im Herzen einige Strophen hinzugefügt: „Erst wenn gleich warmen Sommerwinden die Menschen sich zusammenfinden, um dem fatalen Weltgeschehen endlich vereint zu widerstehen, wenn vor der Kraft der Utopien die selbsternannten Realisten fliehen, wenn die im Herzen sich vernetzen, um sich dem Wahn zu widersetzen, wenn wir statt Geld zu transferieren die ganze Welt poetisieren, dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.“

Weckers Lesung mit Musik war eine Hommage an die Liebe. Liebe zu seiner Frau, die ihn so lange ertragen hat, zu seinen Kindern, die schon fast aus dem Haus sind, zu seiner Mutter, die sehr an Gedichten interessiert war und zu seinem künstlerischen und gradlinigen Vater, mit dem er als kleiner Bub “La traviata“ sang. Zum Bewies, dass Klein-Konstantin eine hinreißende Sopranstimme besaß, wurde eine Tonbandaufnahme von 1959 abgespielt.

Hin und wieder wechselte der virtuos spielende Jo Barnikel zum Elektro-Klavier und Konstantin Wecker griff selbst in die Flügeltasten und sang lebens- und liebevolle Songs wie „Der Augenblick ist ewig“ oder „Die Weiße Rose“. Zuversicht und Herzlichkeit schwebten aus den Songs „Liebes Leben, fang mich ein“ und „Was passierte in den Jahren, wohin hast du sie verschenkt?“




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Ein kleines Lied widmete Wecker dem verstorbenen Physiker und Friedensaktivisten Hans-Peter Dürr: „Gefrorenes Licht“. Der zunehmenden Zahl von Menschen mit Demenz – in 2020 waren es 1,6 Millionen – eignete der Liedermacher ein anrührendes Lied zu: „Die Tage grau und du versuchst zu leben“.

„Warum Sonette? Warum jetzt, im Alter?“ rezitierte der dichtende Komponist und der komponierende Poet sang als Antwort: „Es duftet nach Akazien und dein Lächeln duftet auch“. In seinem neuen Album „Utopia“ beschäftigt sich der Künstler in 16 neuen Liedern mit dem Alter: „Da ist etwas in mir, das möchte tanzen, auch wenn die Beine nicht mehr ganz so standhaft sind. Das will die Welt umarmen, sich nicht mehr verschanzen, will Woge sein und Sturm und Sommerwind.“ Und „Was wir immer schon waren. Spät erst entdeckt es sich dir. Einfach nur Stille bewahren, dieses grenzenlose Wir.“ Sein früheres Gehabe ist Wecker inzwischen peinlich, aber er ist froh, so viel Glück im Leben gehabt zu haben.

Der bekannte Rebell kam dann auch noch zu Wort: Als sein pazifistisches Credo bot Wecker das Gedicht dar „Was mich wütend macht“ und sang das Lied „Schäm dich, Europa, du hast kein Erbarmen!“ Mit den Mitteln der Poesie und der Musik warb der Münchener um bedingungslose Liebe zum Frieden: „Wenn unsre Brüder kommen mit Bomben und Gewehren, dann wollen wir sie umarmen, dann wollen wir uns nicht wehren.“

Das Lied „Utopia“ mit dem Refrain „Ist denn nicht die Liebe Grund und Sinn von allem Sein?“, ist John Lennon gewidmet für sein großartiges „Imagine“. Weckers Fazit nach vielen Liedern: „Kapitalismus und Patriarchat haben versagt!“ Nach dem Song „Was für eine Nacht!“ ging der Sänger von der Bühne ab, kam dann aber für fünf Zugaben zurück. Das Publikum war begeistert, zumal die Cellistin Fany Kammerlander ihre glasklare Stimme erklingen ließ und das Trio gemeinsam das stimmungsvolle „Gracias a la Vida“ sang. (htv)


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