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Nachricht vom 06.05.2022    

RKI-Chef Wieler in Altenkirchen: Corona-Virus wird uns nie wieder verlassen

Das Robert-Koch-Institut mit Prof. Dr. Lothar Wieler an der Spitze ist die zentrale Einrichtung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention. Bei einer Stippvisite in Altenkirchen machte dessen Chef Prof. Dr. Lothar Wieler erneut deutlich: "Das Corona-Virus wird uns nie mehr verlassen."

Der Leiter des RKI, Prof. Dr. Lothar Wieler, ist sich sicher: Eine Herdenimmunität wird es niemals geben. (Foto: Kreisverwaltung)

Altenkirchen. Sie nennen sich "Public Health Forscher", die Mitarbeiter des Robert-Koch-Institutes (RKI) in Berlin, dem aktuell in erster Linie beratenderweise die Bekämpfung der Corona-Pandemie in der Republik obliegt. Der Leiter, Prof. Dr. Lothar Wieler, kann sich dabei, wie er bei einer Stippvisite im Altenkirchener Kreishaus auf Einladung von Landrat Dr. Peter Enders darlegte, auf eine Mannschaft verlassen, die extrem verantwortungsbewusst ist. "Die Mitarbeiter brennen für ihren Job", erklärte Wieler, "weil sie die Welt ein Stück besser machen wollen. Diese Menschen wollen, dass die Gesundheitssituation im Land besser wird." Diese Eigenschaften benötigten sie, "wenn du ein Sendungsbewusstsein hast und den Menschen etwas erklären möchtest. Und das ist unser Job", meinte er und bezog diese Aussage in diesen Tagen und rückblickend auf die vergangenen beiden Jahre und explizit auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie, in der Wieler immer und immer wieder via Pressekonferenzen das tägliche Update lieferte. So könnte es sein, dass er im Herbst wieder mehr Auftritte vor TV-Kameras bewältigen muss.

Welches Virus kommt?
Denn: "Wir wissen nicht, welches Virus kommt. Es gibt drei Eigenschaften von Viren, die uns interessieren. Die erste ist: Wie leicht ist es übertragbar? Alle kennen inzwischen diesen R-Wert, den zuvor niemand interessiert hat. Inzwischen ist das Virus für den Menschen das ansteckendste, das wir kennen. Es gibt kein Virus, das einen größeren R-Wert hat. Die zweite ist: Wie schwer macht eine solche Infektion einen Menschen krank? Und die dritte ist: Wie stark unterläuft es das Immunsystem, die Immunantwort, den Impfschutz? Das sind drei Fragen, die wir nicht beantworten können", schilderte Wieler. In Gedanken solle man sich ja immer auf den "worst case" vorbereiten, "ich denke, das ist ein wichtiger Aspekt", ergänzte er. Dazu zählt natürlich auch die Ausstattung mit Schutzausrüstung, nach der zu Beginn der Pandemie händeringend gesucht worden war. "Die Empfehlungen unseres Hauses zielen in die Richtung, dass diese Dinge vorhanden sein sollten. Auch der Expertenrat, der beim Bundeskanzleramt angesiedelt ist, verfasst ebenfalls solche Empfehlungen, die in diese Richtung gehen. Wir können als Wissenschaftler diese Dinge nur empfehlen, empfehlen aufgrund von Erkenntnissen, die wir haben, was vorhanden sein müsste. Manche Dinge sind trivial, wie Masken zum Beispiel, andere Dinge sind komplexer wie Impfstoff beispielsweise, weil man nicht genau weiß, welcher Impfstoff der passende ist."

Niemals Herdenimmunität
"Das Virus wird uns nie wieder verlassen", erklärte Wieler eine grundsätzliche Tatsache. Es gebe aber eine Menge an Viren, mit "denen wir uns kontinuierlich auseinandersetzen. Grippe- und Masernviren sind Beispiele. Es gibt noch eine ganze Menge weiterer Atemwegserkrankungen". Es stelle sich irgendwann die Frage, die nicht so einfach zu beantworten sei. Irgendwann werde die Krankheitslast so gering sein, dass das Virus ein Krankheitserreger wie jeder andere werde. Das werde erst dann der Fall sein, wenn "wir eine gute Grundimmunität haben". Eine Herdenimmunität werde es nie geben. "Herdenimmunität bedeutet, wenn man den medizinischen Begriff korrekt nutzt, dass das Virus komplett ausgerottet werden kann, was nicht gelingen kann. Es kann gar nicht gelingen, weil der Erreger auch in der Tierwelt unterwegs ist. Ein Virus, das in der Tierwelt und dazu noch bei verschiedenen Tierarten nachgewiesen ist, können sie gar nicht ausrotten. Sie können ja nicht alle Tiere der Welt impfen", beschrieb Wieler den Stand der Dinge. Zudem würden in Deutschland die meisten Menschen an Herz-Kreislauf-Krankheiten sterben. Die Tabak-Industrie habe es geschafft, dass "wir uns seit 100 Jahren mit Tabak vergiften. Es gibt eine Reihe von Krankheiten, mit denen wir umgehen müssen. Und irgendwann wird es so sein, dass wir keine besonderen Maßnahmen mehr fahren. Es gibt auch andere Viren, sogenannter Schnupfenviren, die nur einen leichten Schnupfen auslösen. Das dauert schon Jahrzehnte und noch länger, bis sie ganz wenig Krankheitslast haben".

Dynamik derzeit kaum vorhanden
Nach wie vor legt das RKI jeden Morgen die aktuellen Zahlen der Infektionen vor, die ihm von den Gesundheitsämtern gemeldet werden, wohl wissend, dass die Dunkelziffer sehr hoch, die Momentaufnahme also verzerrt ist. "Wir haben vor einiger Zeit schon einen Wochenbericht eingeführt, der sehr umfänglich ist. Es gibt auch schon eine Reihe von Gesundheitsämtern, die am Wochenende schon nicht mehr melden. Und das ist in Ordnung und nachvollziehbar, weil diese Dynamik nicht mehr vorhanden ist", meinte Wieler, "die Zahlen reichen derzeit für eine Lageeinschätzung bundesweit aus. Es mag regional andere Situationen geben. Klar, man kann die Frequenz reduzieren, und das streben wir im Sommer auch an und immer in dem Wissen, dass bei zunehmender Dynamik die Frequenz wieder erhöht werden kann. Ich glaube, dass dreiviertel der Gesundheitsämter am Wochenende nicht mehr melden." Am Wochenende seien immer diese "Abfälle" zu verzeichnen, 80 bis 90 Prozent der Arztpraxen hätten geschlossen, es sei eben Wochenende, denn die Menschen gingen auch nicht zum Arzt oder zur Arbeit, "diese Wellen haben überhaupt nichts mit den Gesundheitsämtern zu tun, sondern mit dem Lebensrhythmus der Menschen." Die Dunkelziffer, "ich nenne es lieber Untererfassung", sei momentan nicht mehr so hoch, sicherlich teilweise sehr, sehr hoch gewesen. "Für eine Vollerfassung müsste man ständig jeden testen. Das bringt auch nichts", legte Wieler dar. Das Wesentliche sei, dass diejenigen getestet würden, die krank seien, so dass diese Menschen behandelt werden könnten. Der Fokus habe immer auf diesen Menschen gelegen, und auf denjenigen, die als enge Kontaktpersonen galten, um eine Ausbreitung zu verringern. Irgendwann wisse man, wie die Rate sei, wie viel Infizierte würden krank oder schwerkrank oder versterben. "Wenn sie diese Zahl kennen, können sie hochrechnen, wie hoch die Untererfassung ist", fügte er an, "in einer Pandemie braucht man drei Parameter: 1. Dynamik also Inzidenz, 2. Krankheitsschwere, 3. Auslastung des Gesundheitssystems mit der Intensivbetten-Belegung. Uns liegen kontinuierlich diese Parameter immer vor, die wir immer gegeneinander abwiegen. Was viele nicht wissen: Unser Meldesystem basiert auf Einzelfalldaten. Diese Vorstellung, dass man immer genau wissen müsste, wie viel Menschen infiziert sind, dass man das all messen muss, ist naiv und auch nicht hilfreich." Die höchste Untererfassung sei auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle gewesen.



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Noch fehlen die Erkenntnisse
Und wie beurteilte Wieler die neuen Erregertypen wie BA.3, BA.4 oder BA.5? "Wir wissen momentan, dass es drei Unterlinien von Omikron gibt. BA.4 und BA.5 scheinen beide noch ansteckender zu sein als Omikron. Das sehe man in Südafrika. Sie unterlaufen offenbar das Immunsystem noch stärker. Meines Wissens haben wir noch nicht genug Kenntnis, um zu sagen, dass sie mehr oder weniger krank machen als Omikron. Wir haben eine Variante BA.2, die sich in den USA stark ausbreitet", es gebe keinen Hinweis, dass sie krankheitsschwerer sei als Omikron, "insofern müssten wir davor keine Sorge haben. Es gibt zwei Phänomene. Das eine sind die Mutationen, diese normale Evolution. Das Erbgut der Viren ändert sich kontinuierlich, auch Drift genannt, wobei die Sprünge nicht so groß sind. Es existiert leider auch ein genetischer Shift, bei dem Rekombinante vorkommen. Wenn ein Mensch mit zwei oder drei verschiedenen Viren infiziert ist, kann es sein, dass zwei Viren dieselbe Zelle infizieren mit dem Ergebnis, dass eine Rekombinante entsteht, die ganz neue Eigenschaften haben kann. Die paar, die es gibt, haben wir im Blick. Bislang sind diese Eigenschaften aber auch nicht beunruhigend. Das muss nicht so bleiben." Es sei völlig plausibel, dass sich das Virus immer mehr dem Menschen anpasse. Es gebe Tiermodelle mit Frettchen und Hamstern. Im Frettchen habe man super die Transmission untersuchen können, also warum das Virus so schnell von A nach B springe; im Hamster konnte man gut untersuchen, wie das Virus krank mache. "Mit der jetzigen Variante können wir diese Tiere kaum noch infizieren. Sie kann kaum noch Infektionen in diese Tiere setzen. Das ist total normal und plausibel", erläuterte Wieler, "es gibt auch Stimmen, die sagen, dass die Krankheit, je mehr das Virus angepasst ist, milder verläuft. Das muss aber nicht zwingend so sein. Es kann auch sein, dass es sich anpasst und schwere Krankheitsverläufe entstehen." Die meisten Experten sagten, dass "wir uns im Herbst wieder auf einen 'worst case' vorbereiten müssen, weil wir alle wissen, dass die Zahlen wieder hoch gehen, ohne zu wissen, welches Virus darunter steckt".

Bei Impfgegnern differenzieren
"Impfgegner" wollte Wieler nicht über einen Kamm scheren. "Wir müssen differenzieren. Bei den Leuten, die nicht geimpft werden, gibt es richtige Impfgegner, die teilweise sehr militant sind und teilweise mit Geld aus anderen Staaten unterstützt werden. Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen nicht impfen lassen: Angst vor Nebenwirkungen, nicht genug Vertrauen in den Impfstoff, weil er sehr schnell entwickelt wurde. Es gibt auch Menschen, die sagen, dass sie so clever sind, dass sie sich nicht anstecken, und die auch sagen, dass sie so ein Immunsystem haben, dass ihnen nichts passieren kann. Es sind alles Gegner. Das macht es schwierig zu kommunizieren, das macht es schwierig, diese Menschen zu überzeugen, dass sie sich impfen lassen." Es gebe natürlich auch Impfreaktionen, und diese MRNA-Impfstoffe seien sehr reaktive. Und wenn man das erlebe, habe man durchaus mehr Respekt vor dieser Impfung. (vh)

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