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Nachricht vom 16.04.2022    

Buchtipp: „Die Kartause von Mainz“

Von Helmi Tischler-Venter

Artefakte des ältesten Kartäuserklosters in Deutschland, das 1320 im Sinne der strengen Reformliturgie des Kirchenreformers Bruno von Köln gegründet wurde, findet man außer in Mainz und Trier in Rheinhessen und im Westerwald. Von der Klosteranlage ist auf dem Mainzer Michaelsberg allerdings nichts mehr zu sehen. Die Steine wurden beim Bau der Weisenauer Schanze vermauert.

Buchtitel. Grafik: Verlag

Dierdorf/Oppenheim. Die Herausgeber Gerhard Kölsch und Christoph Winterer beleuchten in 14 Fach-Essays die Kunst und Geschichte des Mainzer Kartäuserklosters. Die eremitische Liturgie wurde nach dem Traditionsprinzip (aus der vorhandenen Tradition das Geeignete auswählen), nach dem Einfachheitsprinzip (leicht erlernbares Stundengebet), dem Schriftprinzip (alle Texte müssen eindeutig biblisch sein) und dem Ordnungsprinzip (alle Responsorien eines Testaments bilden miteinander eine Einheit) gestaltet. Der Gemeinschaft gelang es, ihre Lebensform durch die Wechselfälle der Geschichte zu bewahren: „Unsere Väter haben über die Jahrhunderte hinweg Sorge getragen, dass unser Ritus der eremitischen Berufung und den eingeschränkten Möglichkeiten unserer nur aus wenigen Mönchen bestehenden Konvente angepasst bleibt: schlicht, nüchtern und auf die Verbindung mit Gott in besonderer Weise ausgerichtet.“

Als der Mainzer Erzbischof 1320 den Baugrund zur Errichtung der Kartause stiftete, war dieser Orden im Rheinland noch völlig unbekannt. Ungeahnten Wachstumsschub erhielt der strenge Eremitenorden im 15. Jahrhundert. Es war die wirtschaftliche und geistige Blütezeit der Gemeinschaft. Sie wurde jäh durch den militärischen Einfall des Brandenburgischen Markgrafen Albrecht Alkibiades beendet, der in Mainz Klöster niederbrennen ließ. Bald danach wurde die Kartause im Dreißigjährigen Krieg durch die Schweden besetzt und während des Pfälzischen Erbfolgekrieges machten die kaiserlichen Truppen die Kartause zu ihrem Hauptquartier. Das endgültige Aus verursachte wiederum der Mainzer Erzbischof, der 1781 das Ende des Klosterlebens auf dem Michaelsberg verfügte.

Die Mainzer Kartause galt nach Zerstörung, Wiederaufbau und grundlegender Umgestaltung unter Prior Michael Welcken im 18. Jahrhundert „als eines der schönsten und sehenswürdigsten Klöster in Europa“. Sie lag auf einer schmalen Terrasse einige Meter oberhalb des Rheinufers, mit großartigem Blick auf die Mainmündung gegenüber. Kartausen waren ein besonders bevorzugter Begräbnisort für Stifter, denn die Kartäusermönche waren für ihre Frömmigkeit und ihren Gebetseifer bekannt. So verfügte auch die Mainzer Kartause über viele Kunstwerke. Teile ihrer barocken Ausstattung mit kostbaren Altären, einem außergewöhnlich kunstvollen Chorgestühl und einem monumentalen Gemäldezyklus im Kreuzgang, findet man nach Aufhebung und Versteigerung des Klosterbesitzes zerstreut in Kirchen und Museen. So ist der Hochaltar aus Welsch Lahnmarmor in Seligenstadt erhalten, der prächtige Marmoraltar wurde in die Pfarrkirche St. Vitus in Ludwigshöhe überführt und Nebenaltäre wurden im ganzen Rheinland verteilt, zum Beispiel nach Vallendar und nach Marienrachdorf im Westerwald.



Auch der kostbare Kirchenschatz wurde versteigert. Ein Kelch und eine Monstranz wurden für die Pfarrkirche in Heiligenstadt erworben. Das fein gearbeitete Chorgestühl, als „Wunderwerk der Schreinerkunst“ gepriesen, wurde an das Trierer Domkapitel verkauft. Es steht strukturell völlig verändert als Wandverkleidung im Westchor des Domes zu Trier. Der Meister der Chorgestühlswerkstatt, Johann Heinrich Dietler, kehrte nach Auflösung der Kartause an seinen früheren Wirkungsort Neuwied zurück.

„Predigen mit der schreibenden Hand“, die spirituelle Lebensform des Kartäusers bedeutete das Vervielfältigen der zentralen Statuten per Hand. Ihr Wert lag in der unveränderten Textqualität. Die Mainzer Kartäuserbibliothek ging zu großen Teilen an die Stadtbibliothek Mainz, die heute noch 624 Handschriftenbände besitzt. Zurzeit werden die Handschriften aus dem Mainzer Kartäuserkloster, einer der größten rekonstruierbaren Bücherbestände des Mittelalters, online zugänglich gemacht. Die etwa 850 noch erhaltenen Bände, die in Bibliotheken in Mainz und vielen anderen Orten aufbewahrt werden, bilden ein Ensemble, wie es in dieser Vollständigkeit nur selten bewahrt geblieben ist. Man hofft, im Jahre 2026, also 705 Jahre nach ihrer Gründung und 245 Jahre nach ihrer Auflösung, die Schriften digital wieder vereint zu haben.

Das Klostervermögen floss - zusammen mit den Besitztümern des gleichzeitig aufgelösten Altmünsterklosters sowie des Konvents der Reichen Klarissen - in den Aufbau der reformierten Mainzer Universität, wo es als sogenannter Mainzer Universitätsfonds noch heute besteht. Das Gelände der Kartause wurde vom Kurfürsten zur Erweiterung des angrenzenden Lustgartens der Favorite genutzt. In der Mitte der Wohnhofsiedlung Kartaus, die sich heutzutage dort befindet, wurde als Reminiszenz an das Kloster ein kleiner Brunnen mit einer Sandstein-Ädikula mit der Statue des heiligen Bruno, des Gründers des Kartäuserordens, aufgestellt.

Das 192-seitige Buch mit 174 Abbildungen ist im Nünnerich-Asmus Verlag erschienen, ISBN 978-3-96176-160-9. (htv)

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