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| Nachricht vom 12.10.2026 |
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| Der Fall Hardy Rodenstock: Wie ein weltweiter Wein-Skandal im Westerwald seinen Anfang nahm |
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| Hardy Rodenstock gab sich als Spross einer Brillen-Dynastie aus, war verbandelt in der deutschen Schlager-Szene und machte weltweit Schlagzeilen mit dem Verkauf mutmaßlich falscher Weine. Sogar das FBI ermittelte seinerzeit. Den Anfang nahm alles im Westerwald. |
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Bad Marienberg. Es klingt wie im Film und ein solcher ist mit dem Titel "The Billionaire's Vinegar" tatsächlich seit Jahren geplant. Denn so unglaublich ist die Geschichte von Hardy Rodenstock, der in Wirklichkeit gar nicht so hieß, dass sich weltweit ein breites Publikum für den Fall interessiert. Und ausgerechnet im Westerwald soll alles seinen Anfang genommen haben. Doch der Reihe nach.
Hardy Rodenstock, der von Mitte der 1970er Jahre bis 1989 in Bad Marienberg lebte, hatte sich in den 1970er Jahren bereits einen Namen in der deutschen Schlagerbranche gemacht als Musikverleger und Künstlermanager, etwa von Tony Marshall und Tina York, der Schwester von Mary Roos. Noch bekannter wurde Rodenstock, der 1941 eigentlich als Meinhard Görke zur Welt kam, allerdings als Weinkenner, -sammler und -händler. Seit 1980 und über viele, viele Jahre hinweg veranstaltete er Weinproben mit prominenten Gästen wie Franz Beckenbauer, Walter Scheel und Gerhard Schröder, bei denen er sehr alte und sehr seltene Weine verköstigte. Mitte der 1980er-Jahre soll bei Hardy Rodenstock das Telefon geklingelt haben. In der Leitung ein Anrufer aus Paris - er soll Rodenstock Weine aus den Jahren 1784 und 1787 in mundgeblasenen Flaschen angeboten haben, die mit Namen berühmter Weingüter aus Bordeaux wie Château d’Yquem, Lafitte, Margaux und Branne-Mouton graviert waren. Diese Weinflaschen waren angeblich in einem Pariser Keller entdeckt worden.
Weinflaschen von Thomas Jefferson in Paris entdeckt?
Rodenstock fuhr seinen Schilderungen zufolge sofort hin, kaufte die Flaschen und versteigerte eine davon im Dezember 1985 beim Auktionshaus Christie's in London für 105.000 Pfund, was damals 400.000 Mark entsprach. Rodenstock untermauerte damit seinen Ruf in der Weinwelt. Erstanden hatte die Flasche Michael Broadbent, einer der einflussreichsten Weinkritiker weltweit. Dass Broadbent bereit war, soviel Geld für eine Weinflasche zu bezahlen, lag vor allem an einem Buchstaben-Kürzel, das zusätzlich zu Jahreszahl und Weingut-Namen in die Flasche eingraviert war: "Th.J." Broadbent war überzeugt, dass es sich dabei um die Initialen Thomas Jeffersons handeln muss, 1785 bis 1789 US-Botschafter in Paris und ab 1801 dritter Präsident der USA. Dafür sprach, dass Jefferson in seiner Zeit in Paris im Viertel Marais wohnte, wo später die Flaschen entdeckt worden waren, zudem mochte er Bordeaux besonders gerne. Die Geschichte nahm ihren Lauf, letztendlich war nicht nur Broadbent, sondern die gesamte Weinszene davon überzeugt, dass Rodenstock in Paris Weinflaschen von Thomas Jefferson erworben hatte. Er wurde damit zum berühmtesten Weinhändler der Welt, die Flaschen sind die teuersten, die jemals verkauft wurden. Doch nicht nur die Jefferson-Flaschen sorgten für Rodenstocks guten Ruf, vielmehr konnte er stets mit neuen seltenen Weinen aufwarten. "Er ist der meistbeneidete Weinaufspürer der Welt, der Indiana Jones der Flaschen, der uralte Weine an geheimnisvollen Orten aufgespürt haben will, in den schwülen Breiten der venezolanischen Tropen ebenso wie in den eisigen Längen der ruhmreichen Sowjetunion, als es sie noch gab. So stark hat er die Welt der Weinraritäten geprägt, dass der Begriff Weinrarität und der Name Rodenstock zusammengehören wie Brigitte und Bardot", schrieb dazu der "Stern" im Jahr 2008 und schon 2007: "Phänomenal, wie und wo der Kerl so viele alte Weine aufzutreiben wusste." Zu schön also, um wahr zu sein?
Während es immer mal wieder Gerüchte darüber gab, dass es bei Hardy Rodenstock und seinen Weinen nicht mit rechten Dingen zugehen kann, kam es zunächst 1992 zu einer Klage, die in einem privaten Vergleich endete. 2006 folgte eine weitere, die für mehr Aufsehen sorgte. Der US-amerikanische Milliardär William Koch hatte 1988 gleich vier der teuren "Jefferson-Flaschen" erworben und dafür mehrere hunderttausende Dollar ausgegeben. Vor einem New Yorker Gericht warf er Rodenstock vor, diese Flaschen gefälscht zu haben. "Wer mich betrügt, muss mit Konsequenzen rechnen", soll Koch 2007 dem "Stern" gegenüber gesagt haben. Sein Argument: Die Gravuren auf den Flaschen seien nicht im 18. Jahrhundert, sondern mit modernen Schleifgeräten gefertigt worden. Auch die Thomas Jefferson Memorial Foundation bezweifelte die Echtheit der Flaschen. Rodenstock bestritt das vor Gericht und auch danach und verwies darauf, dass die Flaschen noch im Nachhinein manipuliert worden sein könnten. Koch heuerte Detektive an und gab Millionen dafür aus, um Rodenstock die Fälschung nachweisen zu können. Selbst das FBI ermittelte zeitweise in dem Fall. Rodenstock wiederum sollte auf Anordnung des Gerichts 115 Fragen zu seinen geschäftlichen Aktivitäten in den vergangenen 25 Jahren beantworten, was er jedoch niemals tat. Im Mai 2010 sprach ein New Yorker Bezirksgericht gegen den Weinhändler ein Versäumnisurteil aus.
Hardy Rodenstock, der Wein und der Westerwald
Recherchen des "Sterns" untermauerten die Vorwürfe. Im Westerwald, genauer in Hellenhahn-Schellenberg, machten Reporter 2010 ein Glasatelier ausfindig, in dem die Flaschen gefälscht worden sein sollen. Der "Stern" beschrieb damals, wie sich Glasgraveur Harry Müller an die Vorgänge in den 1980er-Jahren erinnerte. Demnach zeigten die Reporter Müller Fotos der "Jefferson-Flaschen". Er habe sie als seine wiedererkannt, schrieb der "Stern". Der Name Rodenstock allerdings sagte ihm nichts, auch auf Fotos konnte er ihn nicht identifizieren. Gesehen habe er den Mann, der ihm den Auftrag gab, nie wieder.
Dem WW-Kurier erzählt Harry Müller Anfang Oktober 2026 noch einmal, was sich vor rund 40 Jahren zugetragen hat und wie ihn der Fall Hardy Rodenstock bis in die jüngere Vergangenheit verfolgt. Denn noch im Januar 2020 war Harry Müller als Zeuge vor Gericht geladen. Da war Hardy Rodenstock schon tot, doch US-Milliardär Koch ließ die Sache immer noch nicht auf sich beruhen. Geklärt werden sollte, ob sich auch das Auktionshaus mit dem Verkauf der gefälschten Flaschen einer Straftat schuldig gemacht hatte. Wie ernst es Koch war und wie hoch die Wellen damals schlugen, lässt sich auch daran erkennen, dass er Herrn Müller über eine US-amerikanische Kanzlei zusichern ließ, ihm rechtlich beizustehen, sollte er im Vorfeld der Gerichtsverhandlung bedroht werden. "Ich habe Bill Koch in dem Zusammenhang auch persönlich kennen gelernt", erzählt Harry Müller. "Es ist schon verrückt, wie diese Sache immer wieder in meinem Leben aufgetaucht ist." Wie alles angefangen hat, weiß Müller noch. Mitte der 1980er-Jahre sei ein Wagen bei ihm vorgefahren. "Jemand stieg aus und brachte sechs oder sieben alt aussehende Flaschen - ohne Inhalt, ohne Verschluss, ohne Etikett. Eine Musterflasche war graviert, aber ziemlich stümperhaft. Ich sollte dann in weitere Flaschen zwei oder drei Beschriftungen eingravieren", so Harry Müller heute. An die Bezeichnungen, die er einschleifen sollte, erinnert er sich: "Lafitte, eine Jahreszahl, der Name Jefferson beziehungsweise das Kürzel." Abends habe er die Flaschen gebracht bekommen, am nächsten Morgen sollten sie schon wieder abgeholt werden. "Dass es dabei nicht mit rechten Dingen zuging, das wurde mir erst viele Jahre später klar. Damals habe ich überhaupt nicht daran gedacht, dass ich es hier mit Fälschungen zu tun haben könnte. Für mich war das keine große Begebenheit, einfach ein kleiner Auftrag, der am nächsten Tag schon erledigt war." Vor Gericht habe er ausgesagt, dass er seinerzeit Flaschen bearbeitet hat. "Einige habe ich auf Fotos wiedererkannt, das waren meine. An andere, die ich gezeigt bekam, konnte ich mich allerdings nicht erinnern."
Gefälschte Flaschen und Etiketten aus dem Westerwald
Kein Wunder, denn Harry Müller war offenbar nach nicht der Einzige, bei dem Rodenstock Flaschen gravieren ließ. In Weroth im Westerwald waren die "Stern"-Reporter 2010 ebenfalls fündig geworden. Auch hier äußerte ein Glasgraveur den Journalisten gegenüber, Ende der 1980er-Jahre Flaschen im Auftrag graviert zu haben - mit den Jahreszahlen aus dem 18. Jahrhundert und dem Buchstabenkürzel "Th. J." Der Auftraggeber sei ein Peter Görner gewesen, er habe ihm 15 Mark pro Flasche bezahlt.
Während die Glasgraveure in Hellenhahn-Schellenberg und Weroth keinen persönlichen Kontakt zu Hardy Rodenstock hatten, gab es jedoch mindestens einen weiteren Graveur, bei dem das den "Stern"-Recherchen zufolge der Fall war. Der hatte seine Werkstatt in Bad Marienberg und Rodenstock soll sein Kunde gewesen sein. Rodenstock sei mit einer alten Flasche aufgetaucht und wollte ein Wappen eingraviert haben. In der Folge hat der Graveur vor allem Karaffen für Rodenstock graviert.
Doch nicht nur die Gravuren auf vielen von Rodenstock in Umlauf gebrachten Weinflaschen sollen gefälscht gewesen sein. Auch die Etiketten seien nachgedruckt worden, schrieb der "Stern" bereits im Jahr 2008 - und auch das ist den Recherchen zufolge im Westerwald geschehen und zwar in einer Familiendruckerei in Bad Marienberg. Hier soll Rodenstock jahrelang mit Etiketten französischer Altweine erschien und deren Nachdruck beauftragt haben. Zwei Angestellte sagten dem "Stern", man habe altes Papier dafür verwendet, alte Lagerbestände aus dem Keller, die vergilbt waren. Die Etiketten sollten demnach möglichst nicht neu aussehen. An die Namen, die die Druckerei auf die Etiketten drucken sollten, konnte man sich dort auch noch erinnern: Rothschild Pétrus, "viele bekannte Namen". Dazu wurden Jahreszahlen auf die Etiketten gedruckt, die von Ende der 19., Anfang des 20. Jahrhunderts stammten.
Zuversicht und Zweifel
Der "Stern" veröffentlichte seine Recherchen bereits in den Jahren 2007 bis 2010, zu dieser Zeit lief auch die Klage des US-Amerikaners Koch gegen Hardy Rodenstock. Weinkenner und selbst Besitzer von Weingütern, deren Flaschen Rodenstock verkaufte, äußerten über Jahrzehnte immer mal wieder Zweifel an der Echtheit seiner Weinen. Trotzdem blieb er international als Weinhändler etabliert, bis zuletzt kamen Politiker und Prominente zu seinen sagenhaften Verköstigungen. Rodenstock starb am 19. Mai 2018 in Oberaudorf. Heute gilt seine Geschichte auch als Warnung vor spektakulären und ungeprüften Raritäten.
Der Fall Hardy Rodenstock ist komplex. Wir haben hier nur eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse wiedergegeben und vor allem auf die Verbindung in den Westerwald verwiesen. Einen ausführlicheren Überblick findet man beispielsweise HIER ("Der große Weinschwindel", 2007), HIER ("Der große Etikettenschwindel", 2008) und HIER ("Jefferson im Westerwald", 2010).
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