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| Pressemitteilung vom 30.09.2026 |
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| Fachtag in Engers beleuchtet die Situation der Palästinenser |
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| Rund 40 Interessierte kamen zu einem Fachtag über die Situation der Palästinenser im Westjordanland nach Engers. Erfahrungsberichte, Workshops und Gespräche beleuchteten die Lage aus unterschiedlichen Perspektiven und befassten sich auch mit den Auswirkungen auf Menschen in Deutschland. |
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Neuwied-Engers. Rund 40 Interessierte haben an einem Fachtag zur Situation der Palästinenser im besetzten Westjordanland im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Engers teilgenommen. Eingeladen hatte der Arbeitskreis Palästina der Lokalen Agenda 21 für Stadt und Landkreis Neuwied.
Per Video zugeschaltet war die evangelische Pastorin Sally Azar aus Bethlehem. In ihrem Erfahrungsbericht schilderte sie zunehmende Übergriffe extremistischer jüdischer Siedler und ein anhaltendes Gefühl der Bedrohung. Sie berichtete unter anderem davon, dass Waffen auf sie gerichtet worden seien.
Azar erklärte zudem, dass sie es in Jerusalem nicht mehr wage, mit einem sichtbaren christlichen Kreuz durch jüdische Viertel zu gehen. Sie habe Verständnis für Gemeindemitglieder, die das Land verließen, stelle sich zugleich aber die Frage, wer vor Ort künftig die Geschichte Jesu erzählen solle, wenn Christen nicht mehr dort lebten.
Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Palästina beschrieb Azar als gewachsene Nachbarschaft. Beide Gruppen verstünden sich in erster Linie als Palästinenser, die eine gemeinsame Geschichte teilten und vor denselben Problemen stünden.
Von der internationalen Gemeinschaft wünsche sie sich vor allem Vertrauen. Es habe viel Kraft gekostet, über Jahre mit den eigenen Erfahrungen nicht gehört zu werden. Nach ihrer Darstellung sei bereits lange darauf hingewiesen worden, dass die israelische Regierung Palästinenser vertreiben wolle. In der Weltöffentlichkeit sei diese Einschätzung jedoch erst stärker wahrgenommen worden, als Ausländer darüber berichtet hätten.
Perspektive von Deutsch-Palästinensern
Der Bauingenieur und Dichter Khaled Shomali, der seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebt, brachte die Perspektive der Deutsch-Palästinenser ein. Er äußerte sich kritisch dazu, dass nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 in Deutschland die israelische Flagge gehisst worden sei und diese auch während des weiteren Kriegsverlaufs sichtbar geblieben sei.
Shomali verwies dabei auf die von Amnesty International im Dezember 2024 veröffentlichte Einschätzung, Israel habe im Gazastreifen einen Völkermord an Palästinensern begangen und begehe ihn weiterhin. Diese Bewertung ist eine Position von Amnesty International und nicht mit einer gerichtlichen Feststellung gleichzusetzen.
Für Palästinenser in Deutschland sei es nach Shomalis Darstellung schmerzhaft, wenn bereits das Tragen der Palästina-Flagge unter Antisemitismusverdacht gestellt werde. Er verwies zudem auf die Einschätzung des Menschenrechtskommissars des Europarats, wonach die Unterscheidung zwischen legitimer Kritik an der Politik Israels und antisemitischen Äußerungen in Deutschland teilweise verwischt werde. Der Kommissar hatte 2026 zugleich betont, dass Antisemitismus bekämpft werden müsse und Menschenrechte sowie die Freiheit von Meinungsäußerung und Versammlung geschützt werden sollten.
Als Beispiele für Einschränkungen nannte Shomali unter anderem den Palästina-Kongress 2024 in Berlin. Das Verwaltungsgericht Berlin stellte 2025 tatsächlich fest, dass die Auflösung und das Verbot der Fortsetzung der Versammlung rechtswidrig waren.
Shomali verwies außerdem auf abgesagte Ehrungen für Künstler und Wissenschaftler sowie auf Verbote von Veranstaltungen. Nach seiner Darstellung vermittelten solche Erfahrungen gut integrierten Deutsch-Palästinensern ein Gefühl der Heimatlosigkeit.
Zugehörigkeit und persönliche Erfahrungen
Diese Perspektive unterstrich auch Shomalis Ehefrau Eman Abusaada, die als Lehrbeauftragte an der Hochschule für Soziale Arbeit in Köln und an der Universität Bethlehem tätig ist. Die seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebende Familie mit zwei in Deutschland geborenen Kindern fühle sich nach ihren Angaben in erster Linie deutsch und habe zugleich eine palästinensische Herkunft.
Seit dem 7. Oktober sei dieses Zugehörigkeitsgefühl jedoch beschädigt worden. Die eigene Herkunft müsse immer wieder erklärt und gerechtfertigt werden. Trauer, Schmerz, Entsetzen und Wut über die Ereignisse im Herkunftsland würden nach ihrer Darstellung häufig politisch eingeordnet, relativiert oder ausgeblendet.
Abusaada betonte deshalb die Bedeutung des Grundsatzes, dass die Würde des Menschen für alle gelte. Dies schließe jüdische, israelische und palästinensische Menschen gleichermaßen ein. Kritik an der israelischen Regierung sei aus ihrer Sicht nicht automatisch als Angriff auf jüdische Menschen zu verstehen.
Jüdische Perspektive auf Frieden und Gerechtigkeit
In einem weiteren Workshop sprach der deutsch-israelische Psychotherapeut Avi Applestein aus Köln über die Friedenskraft der jüdischen Religion und eine an der talmudischen Lebensweise orientierte Perspektive.
Als Kind von Holocaust-Überlebenden habe er von seinen Eltern die Haltung mitbekommen, sich gegen Ungerechtigkeit einzusetzen. Torah und Talmud mahnten nach seiner Darstellung dazu, allen Bewohnern des Landes Freiheit zu gewähren. Dieses Gebot werde von extremistischen Siedlern aus seiner Sicht verletzt.
Applestein verwies zugleich auf jüngere Strömungen innerhalb der Siedlerbewegung, die sich gegen diese Form der Unterdrückung stellten. Kritische Gläubige verträten die Auffassung, dass niemand das Land allein besitzen könne und alle Menschen dort die gleichen Rechte hätten.
Anhand von Videodokumenten zeigte Applestein Beispiele junger kritischer Siedler, die sich gegen Angehörige der eigenen Gruppe stellten, um Palästinenser vor Übergriffen zu schützen. Einer der gezeigten Siedler habe erklärt, das erste arabische Wort, das er gelernt habe, bedeute "Ich entschuldige mich".
Erfahrungen aus dem Westjordanland
Dorothee Schaper, Pfarrerin im Ruhestand, berichtete von einem dreimonatigen Einsatz Anfang dieses Jahres in Palästina. Dieser war über EAPPI, das internationale ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel, organisiert worden.
Zu ihren Aufgaben gehörte insbesondere die Dokumentation des Alltags von Palästinensern unter der Besatzung im Westjordanland und in Ost-Jerusalem. Karin Laier von pax christi und Mitorganisatorin von EAPPI in Deutschland berichtete, dass die Freiwilligen ihren Dienst an den Checkpoints inzwischen nur noch anonym versehen würden. Damit solle verhindert werden, dass die Gefahr für die dort lebende Bevölkerung zusätzlich erhöht werde. Zuvor seien die Freiwilligen durch EAPPI-Westen deutlich erkennbar gewesen.
Schaper betonte, wie wichtig es sei, Raum für die Geschichten jener Menschen zu schaffen, die an der Idee von Gerechtigkeit festhielten. Aus den Erzählungen einer mehr als 100 Jahre alten Palästinenserin habe sie viel über deren Alltag und über die Erfahrungen seit der Vertreibung 1948 erfahren.
Kommunale Zusammenarbeit mit Surif
Eine weitere Gesprächsrunde widmete sich der kommunalen Zusammenarbeit zwischen Neuwied und Surif. Ralf Seemann, Beigeordneter der Stadt Neuwied, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Freundeskreises, berichtete über Projekte, die die Stadt auf Initiative des Arbeitskreises Palästina gemeinsam mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Surif umgesetzt beziehungsweise auf den Weg gebracht habe.
Dazu gehörten die Einrichtung eines Ersthilfezentrums, Corona-Sofortmaßnahmen und die Ausstattung eines Spielplatzes mit behindertengerechten Spielgeräten. Aktuell werde die Renovierung einer 700 Meter langen Wasserleitung finanziell unterstützt. Weitere Projektanträge seien in Vorbereitung. Eine offizielle Städtepartnerschaft werde nicht ausgeschlossen.
Appell für Menschenwürde und Austausch
Zum Abschluss bedankte sich Martina Keiling vom Arbeitskreis Palästina bei den Referenten und Teilnehmern für die Informationen und das Interesse an dem Thema.
Der Fachtag habe aus Sicht des Arbeitskreises deutlich gemacht, wie wichtig der Einsatz für das Recht aller Völker auf ein menschenwürdiges Leben sei. Kraft zum weiteren Engagement, Hoffnung und Zuversicht entstünden dabei aus dem Gefühl, nicht ausgeliefert zu sein, sondern selbst handeln zu können.
Khaled Shomali habe dazu während der Mittagspause mit auf Arabisch und Deutsch vorgetragenen Gedichten einen weiteren Beitrag geleistet und durch die Schönheit der Sprache zur Auseinandersetzung mit dem Thema angeregt.(PM/bearbeitet durch Red) |
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