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Nachricht vom 26.06.2026
Region
Vom Glanz der Reeperbahn bis zur Gefahr der 30er: Ein Abend mit Anja Kampmann
Trotz des heißen Sommerwetters war das urige Hofcafé Heinzelmännchen in Marienthal am Donnerstag, 25. Juni, ausverkauft. Anja Kampmanns Lesung ihres neuen Romans "Die Wut ist ein heller Stern", die von Michael Au, Literaturreferent im Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz, moderiert wurde, war zur Freude der Veranstalter der Westerwälder Literaturtage ein Highlight.
Fotos: Helmi Tischler-VenterMarienthal. Anja Kampmann erzählt in einer berührenden und bildgewaltigen Sprache die politischen Ereignisse der Jahre 1933 bis 1937 aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Hedda, einer Tänzerin im „Alkazar“ auf der Hamburger Reeperbahn, das von Stars und internationalem Publikum aufgesucht wurde. Obwohl der Roman in den Dreißigern spielt, passt er nach Einschätzung des Literaturexperten Au zum Motto des Literatursommers „Die goldenen 20er“, weil die Personen allesamt durch die vorangehende Kaiserzeit und Weimarer Republik geprägt wurden. Der Autorin ging es um die Menschen am Rande der Gesellschaft und die Frage, wie es sein konnte, dass der Umbruch stattfand.

Im ersten Leseblock stellte Kampmann die Protagonistin vor: Hedda hat sich diesen Traumberuf erkämpft, als einzige zieht sie sich aus eigener Kraft an der Stange hoch, wirbelt und verharrt waagerecht in der Luft. Sorgen bereitet ihr die „braune Luft“, die sich immer dichter in das Etablissement drängt. Für die rechtlosen Frauen im Varieté wird es immer gefährlicher. Verdeutlicht wird das durch unmittelbar an den Leser adressierte Sprechpausen in der Handlung:„Sch!“ Au meinte, der Text lebe von dem Unerzählten, das der Leser selbst einbringen müsse.

Heddas Alltag gerät ins Schlingern, als der Schiffsarbeiter Carsten ihr mitteilt, dass Kuddel, Heddas fester Freund weg ist: „Sie haben ihn geholt.“ Nun soll Arthur helfen, ein väterlicher Freund, der schon viele Probleme für Hedda gelöst hat. Diese sorgt sich auch um ihren kleinen behinderten Bruder Pauli: „Wir müssen beide von hier weg!“

Kampmann hat rund sechs Jahre lang mit intensiven Recherchen an dem Roman gearbeitet. Sie versucht, mit der Sprache eine Gegenwelt zu schaffen, mit einer Erzählstimme, in der es um Freundschaft geht. Hedda ist laut Au eine „wahnsinnig intelligente Frau, weil sie Dinge antizipiert und Auswirkungen überlegt." Die Autorin bestätigt, dass Hedda Wärme hat, sie zeigt Emotionen und Wut. Die Wut hilft, einen Anlauf zu nehmen und gegen die Ohnmacht anzugehen. „Wut ist wichtiger als Angst.“

Gefragt, ob das Buch ein historischer Roman sei, antwortete Kampmann: „Ich glaube, dass die Gegenwart ihn schon eingeholt hat.“ Die Frage, wie der gesellschaftliche Umbruch passiert ist, ist wieder sehr dringend geworden angesichts erstarkender AfD in Deutschland und ICE in den USA.

Michael Au, der gern mehr lesen würde in der „betörend schönen, brillanten Sprache“, nahm der Autorin das Versprechen ab, über eine Fortsetzung nachzudenken, weil die Geschichte noch nicht auserzählt sei. Zum Abschluss bat er um die Lesung eines Gedichts aus dem Lyrik-Band „Proben von Stein und Licht“. Die gefeierte Schriftstellerin kam dem Wunsch gern nach.

Weitere Veranstaltungen des Westerwälder Literatursommers finden Sie unter www.ww-lit.de. htv
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