NR-Kurier
Ihre Internetzeitung für den Kreis Neuwied
Nachricht vom 17.06.2026
Region
Drohender Kita-Baustopp in Dattenberg gefährdet Erntedankfest der VG Linz am Rhein
In Dattenberg soll eine neue Kindertagesstätte gebaut werden, die Pläne stehen, die Fördermittel sind genehmigt. Trotzdem könnte das Projekt noch gekippt werden. Das hat nicht nur Konsequenzen für Kinder und Familien, sondern möglicherweise auch für das traditionsreiche Erntedank- und Winzerfest.
Die Kinder der "Rappelkiste" sind derzeit teilweise in Containern untergebracht. (Foto: Archiv/Kreisverwaltung)Dattenberg. Die Ortsgemeinde Dattenberg braucht eine neue Kindertagesstätte (Kita). Die "Rappelkiste" platzt nicht nur aus allen Nähten und musste deswegen bereits teilweise in Container ziehen. Auch das Bestandsgebäude - die Kita befindet sich unter dem Dach des Bürgerhauses - ist stark sanierungsbedürftig und erfüllt längst nicht mehr die notwendigen Anforderungen. Im Jahr 2023 entschied sich der Ortsgemeinderat daher für den Neubau, der nicht nur mehr Platz bietet, sondern auch jedem Kind ein warmes Mittagessen ermöglichen soll. Bisher werden die Kinder im wöchentlichen Rhythmus entweder mit warmem Essen oder einem Lunchpaket versorgt. Rund 6,8 Millionen Euro soll der Neubau aktuellen Schätzungen zufolge kosten.

Das ist zu viel, finden die Gemeinderatsfraktionen von SPD und FWG. In einem Schreiben, das im Ort verteilt wurde, fordern sie "Millionen-Einsparung bei Kita-Neubau"; einen entsprechenden Antrag für die Gemeinderatssitzung am Donnerstag, 18. Juni, haben sie eingereicht. Sie beschreiben die Finanzlage der Ortsgemeinde als "dramatisch", auch die Anhebung des Hebesatzes der Grundsteuer B auf 750 Prozent - ein Spitzenwert in der Verbandsgemeinde und im Kreis Neuwied - ändere daran nichts. Die Ortsgemeinde ist hoch verschuldet, laut SPD und FWG drohen weitere Steuererhöhungen und Einschnitte im Gemeindeleben sowie eine "jahrzehntelange massive Verschuldung durch Kredite und Umlagen". Einsparungspotenzial sehen die beiden Parteien nun beim geplanten Kita-Neubau, der gemeinsam mit dem geplanten Neubau der gemeinsamen Grundschule Leubsdorf/Dattenberg (rund 13,2 Millionen Euro) ein Loch in die Kasse der Ortsgemeinde reißt.

SPD und FWG setzen sich daher für einen Erweiterungsbau gegenüber der aktuellen Kita ein; eine schriftliche Verkaufszusage für das entsprechende Grundstück liege bereits vor. So "ließen sich die Kosten im Vergleich zum Kita-Neubau laut Schätzungen der beiden Fraktionen um mehrere Millionen Euro senken", heißt es im Schreiben der beiden Parteien. Da der Bedarfsplan der Kreisverwaltung ab 2028/2029 wieder freie Plätze in der bestehenden Kita prognostiziere, bliebe ausreichend Zeit für Planung und Baubeginn des Erweiterungstraktes. Zur Überbrückung verweise man auf die Möglichkeit, "Kinder vorübergehend in Nachbarkommunen unterzubringen, oder Tagesmütter einzubinden. Der gesetzliche Anspruch auf einen Kitaplatz in Rheinland-Pfalz muss nicht zwingend in der Heimatgemeinde erfüllt werden."

Faktencheck: Kita-Eltern entgegnen Vorschlag von SPD und FWG
In einem Faktencheck unter dem Titel "Unsere Kinder verdienen Fakten statt Spekulationen" wenden sich die Eltern der Kinder aus der "Rappelkiste" aktuell gegen den Antrag von SPD und FWG. Die Bereitstellung ausreichender Kita-Plätze sei eine gesetzliche Pflichtaufgabe der Kommune. Die Frage laute daher nicht, ob investiert werden müsse, sondern wie eine langfristige und rechtssichere Lösung geschaffen werden könne. In ihren Faktencheck verweist der Elternausschuss darauf, dass in der von beiden Parteien genannten Kostennennung die Förderung für den Neubau unerwähnt bleibt. Dem Elternausschuss zufolge beläuft sich der Eigenanteil der Gemeinde nach Abzug der Kreisförderung von rund 40 Prozent und einer möglichen KfW-Förderung von rund zehn Prozent auf rund 3.300 Euro - statt den genannten 6,8 Millionen Euro. Darüber hinaus liest man im Faktencheck, dass die Förderzusage des Kreises nur für den geplanten Neubau gelte, für einen Ergänzungsbau liege bislang keine Förderzusage vor. "Wer den Neubau stoppt, riskiert Fördermittel in Millionenhöhe", heißt es daher vonseiten der Eltern. Zudem weisen sie darauf hin, dass die Baukosten jährlich um etwa 3,5 bis vier Prozent steigen. In dem Zusammenhang müsse man auch die Verzögerung mitdenken, die durch neue Planungen, Gutachten, Genehmigungen und Förderanträge entstünde. "Auf 5 bis 6 Jahre Verzögerung bedeutet das rechnerisch rund 20 Prozent Mehrkosten - über eine Millionen Euro zusätzlich, noch ohne mögliche Förderverluste."

Ohnehin erfülle das bestehende Gebäude, in dem die Kita aktuell und nach Wunsch von SPD und FWG auch in Zukunft untergebracht ist, die heutigen Anforderungen nicht. "Diese Problematik bleibt selbst nach umfassenden Sanierungsmaßnahmen bestehen - Räume und Strukturen müssten grundlegend angepasst und teilweise neu geplant werden", heißt es im Faktencheck der Eltern. In der Vergleichsrechnung der Fraktionen fehlten wesentliche Kostenblöcke, wie die vollständige Sanierung des Altbestands oder die Kosten der Interimsbetreuung während der Bauphase. Bislang gebe es keine veröffentlichten Gutachten oder belastbaren Vergleichsrechnungen, die die behaupteten Einsparungen des Alternativvorschlags belegen. "Auch bei einem Ergänzungsbau bleibt das bestehende Gebäude erhalten. Sanierungs-, Unterhalts- und Folgekosten müssen daher bei einem fairen Vergleich beider Optionen berücksichtigt werden."

Ein weiterer Punkt, den die Eltern in ihrer Argumentation anführen, ist die Betreuung der Kinder während der Bauphase. SPD und FWG verweisen auf Nachbarkommunen und Tagesmütter, doch fraglich ist, wie das in der Realität konkret umgesetzt werden soll, da in umliegenden Kitas und bei Tagesmüttern kaum Kapazitäten vorhanden seien, so die Eltern. Und wenn, dann bedeutete das für die Familien längere Fahrtwege jeden Morgen und Nachmittag. Der Elternausschuss kritisiert, dass bislang kein öffentliches Konzept vorgestellt wurde, wie alle Kinder verlässlich betreut werden sollen. Sie fragen: "Welche Kinder bleiben in Dattenberg? Die unter Dreijährigen? Was passiert, wenn sie das 3. Lebensjahr erreichen - herausgerissen aus ihrem gewohnten Umfeld, mit fremden Kindern und Erziehern? Was ist mit den Vorschulkindern, die gezielt auf die Grundschule in Leubsdorf vorbereitet werden und die dortigen Kinder bereits kennenlernen sollen? Muss Personal entlassen werden - und wo sollen in der heutigen Situation neue Fachkräfte gefunden werden?"

Erntedank- und Winzerfest in Dattenberg in Gefahr?
Um eine Entscheidung könnte es am Donnerstag, 18. Juni, bei der Ortsgemeinderatssitzung in Dattenberg gehen. SPD und FWG haben hier die Mehrheit, sollte ihr Antrag angenommen werden, könnte das den Stopp des aktuell baureifen Kita-Neubau-Projekts bedeuten. Welche Auswirkungen das wiederum haben könnte, zeigt das aktuelle Statement von Christian Kess: "Als 1. Vorsitzender des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Dattenberg 1927 e.V. habe ich meinen Rücktritt in Aussicht gestellt, sollte das Projekt am Donnerstag abgelehnt werden. Damit könnte das traditionsreiche Erntedank- und Winzerfest für dieses Jahr akut gefährdet werden." Das Erntedank- und Winzerfest, das zugleich auch das Erntedankfest der Verbandsgemeinde Linz am Rhein ist, soll in diesem Jahr vom 2. bis zum 4. Oktober stattfinden. Der traditionelle Höhepunkt ist der große Festumzug am Sonntag. Christian Kess, selbst Vater eines Kindes in der "Rappelkiste" will sich "für unseren Ort, für unsere Zukunft" einsetzen. "Ich kann nicht mit gutem Gewissen den Ort repräsentieren, wie es meine Aufgabe wäre, wenn auf der anderen Seite solche Entscheidungen gefällt werden", erklärt er dem NR-Kurier gegenüber. "Beim großen Umzug am Sonntag ist der Kindergarten die erste und größte Gruppe. Und dann sind Politiker nicht bereit, für diese Kinder zu investieren." Ihm sei klar, dass er nicht alleine für das Gelingen des Erntedank- und Winzerfestes verantwortlich sei, sondern dass der gesamte Vorstand des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Dattenberg dahinter stehe. "Dennoch möchte ich mit meinem möglichen Rücktritt ein Zeichen setzen. Sollte der Kita-Neubau gestoppt werden, dann missfällt mir das persönlich. Unsere Kinder haben keine Stimme, sie können nichts tun, außer darauf zu vertrauen, dass Erwachsene die richtigen Entscheidungen für sie treffen."

Für den Fall einer Ablehnung des Kita-Neubaus durch den Gemeinderat stellt Christian Kesse zudem ein offizielles Bürgerbegehren in Aussicht.
Nachricht vom 17.06.2026 www.nr-kurier.de