NR-Kurier
Ihre Internetzeitung für den Kreis Neuwied
Nachricht vom 13.04.2026
Wirtschaft
Verbraucherschutz im Netz: Wie Deutschland gegen Fake-Shops und illegale Anbieter vorgeht
ANZEIGE 18+ | Hinweis: Dieser Artikel ist für ein erwachsenes Publikum bestimmt und behandelt Themen (beinhaltet ggf. Links), die sich an Personen ab 18 Jahren richten. Ab Mai 2026 sollen Internetprovider wie Telekom, Vodafone und 1&1 den Zugang zu illegalen Glücksspielseiten sperren. Die Novelle des Glücksspielstaatsvertrags schafft dafür die Rechtsgrundlage. Künftig bekommen Besucher einer gesperrten Domain eine Informationsseite der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) in Halle gezeigt. Es ist die bislang massivste Blockade im ländergemeinsamen Netz zum Schutz von Verbraucherinnen und Verbrauchern.
AI generated ImageIm März 2025 hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass die GGL keine Rechtsgrundlage besitze, Reseller-Provider zu Netzsperren zu verpflichten. Ein Rückschlag. Die Behörde hatte bis dahin über 1.000 Webseiten gesperrt und weit über 1.150 Prüfungen durchgeführt, konnte aber nur gegen Anbieter von Inhalten unmittelbar vorgehen. Nun ändert das die Novelle und Access Provider müssen mit DNS-Sperren in die Verantwortung genommen werden.

Parallel setzt die GGL auf sogenanntes Payment-Blocking, bei dem Zahlungsdienstleister Transaktionen an unlizenzierte Anbieter unterbinden sollen. Ob das gegen den geschätzten Schwarzmarktanteil von knapp 50 Prozent reicht, bleibt offen. Die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags, die bis Ende 2026 abgeschlossen sein muss, soll Antworten liefern.

Der unterschiedliche Weg im deutschsprachigen Raum
Die Regulierungsansätze zwischen den Nachbarländern könnten kaum weiter auseinanderliegen. Deutschland setzt auf ein Lizenzsystem mit über 30 zugelassenen Anbietern, ergänzt durch Netzsperren und Einzahlungslimits von 60 Euro pro Stunde am Automaten. Löwen Entertainment aus Bingen, einer der größten legalen Automatenhersteller, klagt seit Monaten über die Folgen des Schwarzmarkts. Vizechef Manfred Stoffers von Konkurrent Merkur formulierte es im April knapp: Der Schwarzmarkt grassiere. Bundesweit stehen rund 160.000 legale Glücksspielautomaten, die Zahl der illegalen Geräte schätzen Branchenvertreter auf 60.000 bis über 100.000.

Österreich hingegen verfügt über ein staatliches Monopol: Das einzige Online-Casino in Österreich ist win2day, das Unternehmen im Eigentum der Österreichische Lotterien AG. Die sechs stationären Casino-Lizenzen in Wien, Linz, Salzburg, Graz, Innsbruck und Bregenz laufen Ende Dezember 2027 aus, die Konzessionen für Lotterien und Online-Glücksspiel enden bereits im September desselben Jahres. Die Koalition aus ÖVP und SPÖ arbeitet an der Reform des Glücksspielgesetzes von 1989, das bisher nur punktuell angepasst wurde. Das Vorhaben soll bis Mitte 2026 umgesetzt sein.

Wer derzeit in Österreich neue Casinos online entdecken möchte, bewegt sich in einem Markt im Umbruch: Geschätzt 410 Millionen Euro Marktvolumen fließen bislang großteils an EU-lizenzierte Anbieter ohne österreichische Konzession, eine geplante unabhängige Glücksspielbehörde soll die Aufsicht vom Finanzministerium übernehmen. Ob das den Graumarkt eindämmt, ist unter Branchenbeobachtern umstritten. Finanzminister Marterbauer (SPÖ) will am Monopol festhalten.

10.000 Beschwerden über Fake-Shops in einem Jahr
Illegales Glücksspiel ist nur ein Feld, auf dem der digitale Verbraucherschutz unter Druck steht. Fake-Shops treffen deutlich mehr Menschen. 2024 registrierten die Verbraucherzentralen bundesweit über 10.000 Beschwerden, ein Anstieg um 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den ersten neun Monaten 2025 kamen bereits über 8.000 hinzu.

Der Finanzguru-Report beziffert die Zahl der Betroffenen für 2023 auf rund 301.000, den wirtschaftlichen Schaden auf über 94 Millionen Euro. Die Rückzahlungsquote von Banken lag bei 7,1 Prozent. Eine Forsa-Befragung im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands ergab, dass zwölf Prozent der Online-Shopper in den vergangenen zwei Jahren auf einen betrügerischen Shop hereingefallen seien.

Die Hälfte jener 653 vom vzbv untersuchten Fake-Shops schaltete Werbung auf Plattformen von Google oder Meta. Allein die fünf reichweitenstärksten kamen auf mindestens 134 Millionen Werbeimpressionen. vzbv-Vorstandsmitglied Ramona Pop kritisierte, wer mit Werbung Geld verdiene, der könne sich nicht einfach aus der Haftung stehlen. Die großen Plattformen müssten mehr gegen betrügerische Anzeigen unternehmen.

Phishing-Welle trifft Rheinland-Pfalz
Im Juli 2025 registrierte die Polizei in Rheinland-Pfalz eine neue Welle betrügerischer Anrufe mit Fallzahlen im mittleren dreistelligen Bereich. Pro Einzelfall seien fünf- oder sechsstellige Schadenssummen keine Seltenheit, warnten das Landeskriminalamt und die Verbraucherzentrale in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Phishing-Mails, die aussehen wie Nachrichten der Hausbank, gefälschte Bußgeldbescheide vom angeblichen Kraftfahrtbundesamt, betrügerische Paket-SMS: Die Maschen werden professioneller. LKA-Präventionsexperte Michael Krausch und Andrea Steinbach von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz boten im August ein kostenloses Webseminar an. Die Nachfrage war groß.

Das BKA-Lagebild für 2024 spiegelt die Dimension auf Bundesebene: 131.391 Cybercrime-Fälle im Inland, zusätzlich 201.877 Auslandstaten. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach bei der Vorstellung im Juni 2025 von einer Bedrohung für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. KI-gestützte Angriffe würden die Lage weiter verschärfen. Die Bitkom-Wirtschaftsschutzstudie 2025 beziffert den Gesamtschaden durch Cyberangriffe auf deutsche Unternehmen auf 202,4 Milliarden Euro.

Widerrufsbutton und Trusted Flagger
Neben Netzsperren und Strafverfolgung setzt der Gesetzgeber auf strukturelle Hebel. Das Digitale-Dienste-Gesetz, seit Mai 2024 in Kraft, droht Plattformbetreibern mit Sanktionen von bis zu sechs Prozent des Jahresumsatzes. Der vzbv ist seit Juni 2025 als Trusted Flagger zugelassen und kann Verstöße bevorzugt an die Behörden melden. Im Februar 2026 leitete die EU-Kommission ein Verfahren gegen den Online-Händler Shein ein.

Ab dem 19. Juni 2026 kommt der Widerrufsbutton: Online-Händler müssen Verbrauchern dann ermöglichen, Verträge mit wenigen Klicks zu widerrufen. Wer die Funktion nicht rechtzeitig einbaut, riskiert Abmahnungen. Die Erfahrung mit dem 2022 eingeführten Kündigungsbutton legt nahe, dass Verbraucherschutzverbände schnell reagieren werden.

Die Werkzeuge werden mehr. Ob sie schnell genug greifen gegen Betreiber, die ihre Domains im Wochentakt wechseln, steht auf einem anderen Blatt. (prm)

Hinweis zu den Risiken von Glücksspielen:
Glücksspiel kann süchtig machen. Spielen Sie verantwortungsbewusst und nutzen Sie bei Bedarf Hilfsangebote wie die Suchtberatung (Link: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung - Glücksspielsucht).
Nachricht vom 13.04.2026 www.nr-kurier.de