NR-Kurier
Ihre Internetzeitung für den Kreis Neuwied
Nachricht vom 09.05.2026
Region
Wiedweg Etappe 3: Wo Mühlen klappern und Geschichte geschrieben wurde
Die dritte Etappe des Wiedwegs führt auf gut 16 Kilometern von Höchstenbach durch das Tal der jungen Wied nach Altenkirchen, vorbei an alten Mühlen, durch das Geburtsland von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und hinauf zum Bismarckturm mit seinem grandiosen Panorama. Es ist eine Etappe, die ruhig beginnt und mit einem Weitblick endet, der die ganze Etappe noch einmal nachklingen lässt.
Der Bismarckturm bei Altenkirchen ist ein echtes Highlight. (Foto: Westerwald Tourismus)Höchstenbach. Bevor man aufbricht, lohnt sich ein kurzer Umweg zu einem Ort, den man leicht übersieht, der aber zu den stillen Schätzen des Westerwalds gehört: der evangelischen Pfarrkirche St. Georg im Ortskern von Höchstenbach. Die spätromanische Kirche mit ihrem achteckigen Spitzhelm wurde im frühen 13. Jahrhundert erbaut und bewahrt in ihrer Apsis ein Geheimnis, das erst 1952 ans Licht kam. Bei Sanierungsarbeiten wurden damals mittelalterliche Wandmalereien freigelegt, die vermutlich ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert stammen: Sie zeigen Christus als Weltenrichter, von Evangelien-Symbolen und Heiligengestalten umgeben - darunter vermutlich Maria, Johannes der Täufer und der Schutzpatron St. Georg. Die Emporen stammen aus dem 18., die Kanzel noch aus dem späten 17. Jahrhundert, also fast achthundert Jahre Geschichte auf engem Raum. Ein lohnender Auftakt, bevor der eigentliche Weg beginnt.

Vom Startpunkt in Höchstenbach überquert man zunächst die B 413 und wandert anderthalb Kilometer durch das Wiedtal bis zur Krambergsmühle. Die Mühle liegt idyllisch im Tal, eingerahmt von Erlengebüschen und dem noch jungen Wiedbett. Sie ist einer jener Orte, an denen die historische Verzahnung von Wasser und Handwerk unmittelbar spürbar wird. Der Mühlgraben der Anlage wird noch heute zur Stromerzeugung genutzt, ein seltenes Zeugnis alter wasserbaulicher Infrastruktur, das sich bis heute seinen praktischen Nutzen erhalten hat. Von der Krambergsmühle führt der Weg weiter in Richtung des früheren Hofgutes Farrenau bei Mudenbach, einem stillen Fleckchen, das heute an seine Vergangenheit als ländliches Wirtschaftsgut erinnert. Gleich nach Mudenbach empfiehlt sich ein kurzer Abstecher: Nahe der ehemaligen Pulvermühle, die nach drei verheerenden Explosionen im Jahr 1901 endgültig ihren Betrieb einstellte, bietet das Wiedufer einen der ungestörtesten, wildromantischsten Abschnitte der gesamten Etappe.

Weiter durch Borod, Ingelbach und Widderstein folgend, wandert man Stück für Stück tiefer ins Herz des sogenannten Raiffeisenlands, jener Landschaft im Kreis Altenkirchen, die ihren Namen dem Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen verdankt. Raiffeisen wurde am 30. März 1818 als siebtes von neun Kindern in Hamm an der Sieg geboren, nur wenige Kilometer von diesem Weg entfernt. Als junger Bürgermeister mehrerer Westerwälder Gemeinden erlebte er hautnah, wie Hunger, Wucher und fehlende Strukturen die arme Landbevölkerung in Not trieben und er zog daraus Konsequenzen: Er gründete Hilfsvereine und schuf damit die Grundlagen der genossenschaftlichen Bewegung, die heute unter seinem Namen weltweit bekannt ist. Wer über die stillen Äcker und Wälder dieser Landschaft geht, ahnt, wie dringend die Not und wie groß die Hoffnung gewesen sein müssen, die diesen Mann antrieben.

Nach Michelbach schlägt der Weg ein letztes Mal ins Naturschutzgebiet ein, ein Schutzgebiet mit artenreicher Tier- und Pflanzenwelt, durch das man bergauf auf den Johannisberg wandert. Oben wartet die vielleicht eindrucksvollste Überraschung der Etappe: der Bismarckturm auf dem Johannisberg bei Altenkirchen, 14 Meter hoch, auf einer Höhe von etwa 282 Metern über dem Meeresspiegel gelegen. Der Turm wurde zu Ehren des ersten deutschen Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck errichtet. Der Grundstein fiel auf den 1. April 1914, Bismarcks 99. Geburtstag. Wegen des Ersten Weltkrieges verschob sich die Einweihung um volle acht Jahre, die Eröffnung fand schließlich am 21. Mai 1922 statt. Türme wie dieser wurden damals als nationale Denkmäler errichtet, sollten Bismarcks Geburts- und Todestag mit weithin sichtbaren Feuern feiern, ein Brauch, der sich aus den germanischen Leuchtfeuertürmen über gefallenen Kriegern ableitete. Wer heute den Turm erklimmt, blickt auf die Dächer von Altenkirchen hinunter und auf eine Landschaft, die nach Osten und Norden hin weit über den Westerwald hinausreicht. Jeden ersten Sonntag im Monat öffnet der Förderverein den Turm von 14 bis 16 Uhr für Besucher.

Vom Bismarckturm führt der Weg hinunter durch Almersbach nach Altenkirchen, dem Ziel der dritten Etappe. Die Kreisstadt empfängt mit einem gut ausgebauten Stadtbild, das trotz erheblicher Kriegszerstörungen im Zweiten Weltkrieg einige historische Substanz bewahrt hat: Am Marktplatz stehen die zwei ältesten erhaltenen Häuser der Stadt aus den Jahren 1602 und 1663, Reste der mittelalterlichen Stadtmauer, gegründet nach Erteilung der Stadtrechte im Jahr 1314, durchziehen das Stadtzentrum.

Die dritte Etappe ist insgesamt als mittelschwer einzustufen. Mit 233 Höhenmetern Aufstieg, abwechslungsreichen Weg-Beschaffenheiten und rund fünf Stunden reiner Gehzeit fordert sie etwas mehr als die vorhergehenden Etappen, belohnt dafür aber mit einer Dichte an Geschichte, Natur und Aussichtspunkten wie kaum eine andere Etappe des Wiedwegs. Wer den Abstand zur nächsten Bushaltestelle scheut: Von Almersbach führt ein rund zwei Kilometer langer Zuweg zum Bahnhof Altenkirchen, von wo die Buslinie 255 zurück nach Höchstenbach fährt - montags bis freitags, Fahrzeit rund 35 bis 44 Minuten.

Tour-Informationen

Art: Fernwanderweg, Punkt-zu-Punkt (Etappe 3 von 8)
Schwierigkeit: mittel
Streckenlänge: rund 16,1 km
Dauer: gute 5 Stunden
Höhenmeter (Aufstieg): etwa 240 m
Höhenmeter (Abstieg): etwa 300 m
Markierung: blaues "W" auf weißem Grund
Wegebeschaffenheit: Naturpfade, Waldwege, Schotterweg, kurze Asphaltabschnitte; nicht kinderwagen- oder rollstuhlgeeignet
Einkehrmöglichkeit: Gastronomiebetriebe in Altenkirchen
Highlights: Pfarrkirche St. Georg Höchstenbach (Wandmalereien, 13. Jh.), Krambergsmühle mit Mühlgraben, Raiffeisenland (Geburtsregion F. W. Raiffeisens), Naturschutzgebiet "Im Dorm", Bismarckturm Johannisberg (14 m, Grundstein 1914)
ÖPNV Rückfahrt: Buslinie 255, Altenkirchen Bahnhof nach Höchstenbach (Mo-Fr, rund 35-44 Min.)
Startpunkt: Born's Imbiss / Koblenzer Straße 3, 57629 Höchstenbach
Zielpunkt: Altenkirchen (Westerwald), 57610 Altenkirchen

Hinweis: Öffnungszeiten, Preise oder Fahrpläne bitte tagesaktuell prüfen!

Download GPX-Datei & weitere Infos


In unserer Facebook-Wandergruppe "Wandern im Westerwald" gibt es übrigens auch ständig schöne neue Ecken der Region zu entdecken.

Haben Sie auch einen Wander- oder Ausflugstipp? Dann schreiben Sie uns gerne an westerwaldtipps@die-kuriere.info. Vielen Dank!
Nachricht vom 09.05.2026 www.nr-kurier.de