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Pressemitteilung vom 11.03.2026
Region
Fachtag beleuchtet psychische Gewalt in Partnerschaften
Psychische Gewalt in Partnerschaften steht zunehmend im Fokus von Fachleuten und Beratungsstellen. Beim Fachtag des Runden Tisches gegen Gewalt Rhein-Westerwald in Neuwied diskutierten rund 100 Experten über Ursachen, Folgen und Hilfsangebote für Betroffene.
Landrat Achim Hallerbach freute sich, zusammen mit Bianca Westphal (links) und Dagmar Leimpeters den Reader der Fachtagung „Psychische Gewalt in Partnerschaften – von einer unterschätzten Dynamik und ihren gravierenden Auswirkungen“ präsentieren zu können. (Foto: Julia Hinz/ Kreisverwaltung Neuwied)Neuwied. Große Aufmerksamkeit fand der jüngste Fachtag des Runden Tisches gegen Gewalt in engen sozialen Beziehungen Rhein-Westerwald in der Katholischen Familienbildungsstätte Neuwied. Rund 100 Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen nahmen an der Veranstaltung teil, die sich dem Thema "Psychische Gewalt in Partnerschaften" widmete. Die große Beteiligung zeigte das wachsende Interesse an dieser Form von Gewalt, die häufig im Verborgenen stattfindet.

Die Veranstaltung markierte zugleich einen besonderen Moment für Beate Ullwer. Für die Gleichstellungsbeauftragte des Westerwaldkreises war es der letzte Fachtag im Rahmen ihrer langjährigen Tätigkeit. Seit fast 25 Jahren war sie am Aufbau des Runden Tisches beteiligt, der Teil des rheinland-pfälzischen Interventionsprojektes gegen Gewalt ist.

Netzwerk für Betroffene aufgebaut
Über viele Jahre hinweg entstand ein umfangreiches Netzwerk aus Fachstellen, Beratungsangeboten und engagierten Akteuren. Ziel dieses Netzwerks ist es, die Situation von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen zu verbessern und Betroffene besser zu unterstützen.

In ihrer letzten Begrüßung blickte Beate Ullwer auf die gemeinsame Arbeit zurück. Das Netzwerk sei geprägt von gegenseitigem Respekt und dem gemeinsamen Anliegen, Gewalt in engen sozialen Beziehungen wirksam entgegenzutreten.

Auch Landrat Achim Hallerbach betonte in seiner Einführungsrede die Bedeutung solcher Fachveranstaltungen. Sie seien ein wichtiges Instrument, um Fachkräfte fortzubilden, Wissen auszutauschen und die Öffentlichkeit für das Thema Gewalt zu sensibilisieren.

Ausbau der Hilfsangebote im Kreis Neuwied
Der Landrat würdigte zugleich das Engagement von Beate Ullwer sowie die Arbeit des Runden Tisches. Durch diese Zusammenarbeit konnten in den vergangenen Jahren wichtige Versorgungslücken geschlossen werden.

Im Kreis Neuwied wurde das Hilfesystem für Betroffene deutlich erweitert. Neben einem Frauennotruf soll noch in diesem Jahr auch ein Frauenhaus in Neuwied eröffnet werden. Damit stehen künftig zusätzliche Schutz- und Beratungsangebote für Betroffene zur Verfügung.

Einblicke in psychische Gewalt
Den fachlichen Schwerpunkt des Fachtages bildete der Vortrag von Caroline Wenzel. Die Referentin stellte Inhalte aus ihrem Buch "Vom Traum zum Trauma – psychische Gewalt in Partnerschaften" vor und ordnete diese fachlich ein.

Anhand konkreter Fallbeispiele verdeutlichte sie, wie gravierend sich psychische Gewalt auf Betroffene auswirken kann. Die Beispiele zeigten, dass diese Form der Gewalt in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt und grundsätzlich jede Person treffen kann.

Ein Beispiel aus dem Buch beschreibt eine Beziehung, die zunächst von Zuwendung, Aufmerksamkeit und Komplimenten geprägt ist. Nach einiger Zeit verändert sich jedoch das Verhalten des Partners. Wertschätzung wird durch Beschimpfungen ersetzt, Fürsorge wandelt sich in Kontrolle.

Mechanismen psychischer Gewalt
Fachleute erklärten während der Veranstaltung, dass gerade die emotionale Bindung zu Beginn einer Beziehung häufig ausgenutzt wird. Dadurch entsteht schrittweise ein immer enger werdendes Abhängigkeitsverhältnis.

Die Betroffenen geraten zunehmend in Selbstzweifel und geraten gleichzeitig in eine emotionale Abhängigkeit von der gewaltausübenden Person. Diese Dynamik erschwert es vielen Betroffenen, die Situation frühzeitig zu erkennen oder sich daraus zu lösen.

Eine Trennung kann zudem ein besonders kritischer Moment sein. Fachleute weisen darauf hin, dass sich die Situation in dieser Phase häufig weiter zuspitzt.

Isolation als zentrales Mittel
Ein wiederkehrendes Muster in Fällen psychischer Gewalt ist die zunehmende Isolation der Betroffenen. Kontakte zu Freunden, Familie oder sozialen Netzwerken werden schrittweise eingeschränkt.

Gerade deshalb gilt ein stabiles soziales Umfeld als wichtiger Schutzfaktor. Angehörige, Freunde oder Fachkräfte können eine wichtige Rolle spielen, wenn sie Veränderungen frühzeitig erkennen und Unterstützung anbieten.

Psychische Gewalt besser erkennen
Psychische Gewalt als eigenständige Gewaltform anzuerkennen und Betroffene auch juristisch wirksam zu schützen, bleibt weiterhin eine Herausforderung. Die Erfahrungsberichte aus der Praxis zeigen, dass diese Form der Gewalt oft schwer nachweisbar ist.

Besonders schwierig gestaltet sich die Situation auch für männliche Betroffene. Sie sehen sich häufig mit gesellschaftlichen Rollenbildern konfrontiert, die es erschweren, über erlebte Gewalt zu sprechen.

Im Westerwaldkreis, im Kreis Altenkirchen und im Kreis Neuwied existieren bislang keine speziellen Beratungsangebote ausschließlich zum Thema psychische Gewalt. Die vorhandenen Beratungsstellen greifen dieses Thema jedoch zunehmend mit auf.

Sensibilisierung für weitere Berufsgruppen
Der Fachtag machte deutlich, wie wichtig eine breite Sensibilisierung für das Thema ist. Neben Beratungsstellen könnten auch weitere Berufsgruppen stärker einbezogen werden.

Genannt wurden unter anderem Ärzte, Psychotherapeuten sowie Richter. Sie könnten durch gezielte Fortbildungen besser auf Fälle psychischer Gewalt vorbereitet werden.

Zum Abschluss wurde auch ein neuer Reader vorgestellt. Darin sind die wichtigsten Inhalte der Fachtagung sowie Hinweise auf aktuelle Studien zusammengefasst.

Bianca Westphal, die Nachfolgerin von Beate Ullwer als Gleichstellungsbeauftragte des Westerwaldkreises, stellte die Veröffentlichung gemeinsam mit den Kolleginnen Daniela Kiefer und Dagmar Leimpeters aus dem Kreis Neuwied vor. (PM/bearbeitet durch Red)
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