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Nachricht vom 27.05.2013    

Genossenschaften müsste man heute erfinden

Ein volles Haus, eine hochkarätig besetzte Expertenrunde, ein würdiger Anlass: Zum 125. Todestag Friedrich Wilhelm Raiffeisens diskuterten Experten aus unterschiedlichen Disziplinen die Bedeutung der Genossenschaften für Gegenwart und Zukunft.

Für den früheren Kultur-Staatsminister Julian Nida-Rümelin passt Raiffeisen „so gut wie viele Jahrzehnte nicht.“

Montabaur. Manchmal sind die ersten Begegnungen mit den Großen der Geschichte recht profan: Theresia Theurl zumindest ist Friedrich Wilhelm Raiffeisen schon in Kindertagen in Form ihres damals grünen Sparbuchs begegnet, dessen Titel Raiffeisen zeigte. Heute ist die Volkswirtin geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster. Und die genossenschaftlichen Ideen erleben - beflügelt durch die Auswüchse der weltweiten Finanzkrise - derzeit eine Renaissance. In einem Festakt auf Schloss Montabaur, Sitz der Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG), gedachte die Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft anlässlich seines 125. Todestages des Genossenschaftsgründers (Der AK-Kurier berichtete.)

In einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde unter Leitung von Theresia Theurl („Wenn es Genossenschaften nicht schon gäbe, müsste man sie heute erfinden.“) beschrieb der Philosophieprofessor und ehemalige Kultur-Staatsminister Julian Nida-Rümelin die Wiederentdeckung des Westerwälder Sozialreformers treffend: „Raiffeisen passt so gut wie viele Jahrzehnte nicht.“ Er attestierte - neben dem starken Mittelstand und der industriellen Basis im ökonomischen Bereich - unter anderem den Genossenschaftsbanken ein Verdienst daran, dass die Bundesrepublik erkennbar besser die Krisenjahren überstanden hätte als andere. Die Menschen wollten angesichts weltweiter Krisen und der Auswüchse des Kapitalismus eine klare Vorstellung davon, wie Ökonomie gestaltet werde - und das am besten mit lokalem Bezug und Verantwortung für das Gemeinwesen. Für ihn hat Raiffeisen weiterhin Potenzial, er wünscht sich vor allem, dass die genossenschaftliche Idee auch im urbanen Milieu und hier besonders unter den künstlerisch Tätigen stärker Fuß fasst. Gerade unter Künstlern sieht er den Bedarf, „dass sie sich kooperativ-solidarisch organisieren müssen, um in dieser Welt zurecht zu kommen.“

Dass Raiffeisens Ideen und Konzepte, seinerzeit aus der Not geboren, bis in die Gegenwart wirken, ist für den Soziologen Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg ein Ausdruck von Alltagstauglichkeit. Raiffeisen komme genau denjenigen Bevölkerungsteilen entgegen, die hoch engagiert seien und wie Raiffeisen selbst nicht danach fragten, wo der persönliche Vorteil dieses Engagements liege, sondern was die Gemeinschaft davon habe. Genossenschaften sind für ihn Paradebeispiele für so genanntes Social Entrepreneurship, in dem die ökonomische Entwicklung eines Unternehmens mit der gesellschaftlichen Verantwortung einhergeht.

Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands, prägte für Raiffeisens Wirken den Begriff der „intelligenten Nächstenliebe“. Ihm sei es in beachtlicher Weise gelungen, Altruismus und Egoismus zu vereinen. Für die Zukunft sieht er neue Chancen für genossenschaftliche Modelle in der lokalen Energieproduktion, aber auch im sozialen Sektor und in der Bildung. „Besonders im Bereich der Sozialpolitik stoßen wir an Grenzen staatlicher Handlungsmöglichkeiten, aber begegnen auch dem Eigensinn von Bürgerinnen und Bürgern, die beispielsweise die Pflege selbst bzw. in Kooperationen organisieren.“




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Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes Deutschland HDE und ehemaliger REWE-Vorstand, ist mit Leib und Seele Genossenschaftler und gehört dem Gründungsvorstand der Raiffeisen-Gesellschaft an. Ein Unternehmen genossenschaftlich zu organisieren verlange zwar „ein gehöriges Maß an Idealismus“, Bereitschaft zu demokratischer Willensbildung und sozialer Interaktion, stehe aber am Ende auch für erfolgreiche und wertorientierte Unternehmenskultur. Und weil die Wertorientierung auch im täglichen Konsum zunehme, sieht er die genossenschaftlichen Handelsunternehmen auf einem guten Weg. „Die Genossenschaften sind das beste Beispiel für zivilgesellschaftliche Einrichtungen, die zwischen dem Begehren, dass der Staat vieles oder alles regelt, und dem nackten Egoismus des Shareholder Value den Mittelweg aufzeigen.“ Unternehmen, die nicht ausschließlich kapitalgetrieben seien und auf genossenschaftlich gestützten Konzepten der Nachhaltigkeit agierten, stehen nach seiner Ansicht besser da. Allerdings - und hier sieht er auch die Raiffeisen-Gesellschaft gefordert - „müssen wir mehr klappern.“

Wie genossenschaftliche Modelle abseits der Unternehmenswelt funktionieren, beschrieb Bernhard Meffert, Schulleiter des Raiffeisen-Campus in Wirges, einem Privatgymnasium in Trägerschaft einer Genossenschaft. Hier wird beispielsweise versucht, „ökonomische Kompetenz als inhaltliches Lernziel mit sozialer Kompetenz zu verbinden.“ Aus dieser Erfahrung heraus sollen junge Menschen Spaß daran haben, Erfolge zu haben - jedoch nicht auf Kosten anderer - und Verantwortung zu übernehmen.

Für Werner Böhnke, Vorstandschef der WGZ Bank und Vorsitzender der Raiffeisen-Gesellschaft, machte die Runde als Intro zur Festrede von Bundestagspräsident Norbert Lammert eines deutlich: „Wir haben die Pflicht, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Es liegt an uns.“ Man müsse an jedem Ort und zu jeder Zeit die Ideen der Selbsthilfe, der Selbstverwaltung und der Selbstverantwortung insbesondere in Staat und Gesellschaft werben. „Nichts sehen und nichts tun wäre am Ende Mangel an Mut. Raiffeisen würde es nicht verstehen.“ (Andreas Schultheis)


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