Buchtipp: Heimatjahrbuch 2027 Landkreis Neuwied
Von Helmi Tischler-Venter
Der Westerwälder Wilhelm Kötting als Soldat in China, Kaiser Hinrich IV. zu Besuch in Hammerstein, das „große Erzgeschrei“ in der Hattenbach am St. Marienberg, Engerser Kirmes anno dazumal, der Deichbau in Neuwied, „Broadkadoffelsvahältnis“ und die Geschichte der Linzer Brauerei Münch „Zum Stern“ sind Beispiele für die thematische Vielfalt der 28 gut recherchierten Beiträge im gerade erschienenen Heimatjahrbuch 2027.
Neuwied. Das hochwertige 416-seitige gebundene Buch ist ein nachhaltiges Weihnachtsgeschenk zu geringem Preis. Das Titelbild zeigt den Blick auf Burgmannshof und Georgskirche sowie die Reste der Ruine Hammerstein, weil die Reichsburg Hammerstein vor tausend Jahren als Tresor der Reichsinsignien sehr bedeutend war. Die wechselvolle Geschichte der Burg hat Dr. Arno Bäcker dargelegt und mit Bildern veranschaulicht. Ergänzend ist das Kalendarium mit Stichen und Gemälden der Burg ausgestattet.
Ganz weit zurück in die Geschichte gehen Urnen der frühesten Eisenzeit, die vor hundert Jahren beim Bimsabbau ausgegraben und nun bei einer Haushaltsauflösung wiederentdeckt wurden. Mio Neunkirchen entschlüsselte ein jahrhundertealtes Rätsel um Metfried, den Stammvater des Hauses zu Wied. Einer seiner Nachfahren, Fürst Wilhelm zu Wied, scheiterte 1914 aufgrund diplomatischer Fehlentscheidungen als „Prinz von Albanien“. Und der noch vielen Bürgern bekannte Fürst Friedrich Wilhelm vereinbarte 1959 mit dem Ski-Club Monrepos Segendorf (SCM) die Segendorfer „Ski-Pacht“.
Bedeutsam und zahlreich waren einst die Isenburger im Mittelalter, auch sie waren wohl mit dem Haus Wied verwandt, wie Dr. Michael Adlung darlegt. Er verfolgt insbesondere die Kempenicher Linie der Isenburger, die 1424 ausstarb. Mit den Isenburger Grabkreuzen von 1612 bis 1737 ist ein „Blick zurück in eine fremde Welt“, den Dreißigjährigen Krieg und den „Großen Türkenkrieg“, möglich. 1682 fand eine spektakuläre Gefangenenbefreiung bei Engers statt, die Marie Ontiveros schildert. Auch hier spielte der Konfessionskampf eine Rolle. Eine besondere Rolle spielte ein kleiner Hund in der Zeit der Französischen Revolution. Von dem Feldzug, an dem er teilnahm und der durch Frankreich, Luxemburg und halb Deutschland führte, berichtete Goethe später.
Die Armut der Menschen in der Region und ihr aus der Not geborener Erfindergeist zeigen die Aufsätze „Das Testament des Herbert Muscheidt aus Raubach – ein Familienschicksal aus dem 19. Jahrhundert“ und „Keuchhusten in der Neuwieder Region im 19. Jahrhundert sowie „Kartoffelbrot im Westerwald“.
Die Nazi-Herrschaft wirkte auch in religiöse Strukturen wie die Rheinbreitbacher Karnevalsgesellschaft. Die ergreifenden Recherchen „Der Johannesbund und seine Mitglieder als Opfer des Nationalsozialismus“ und „Drei Jugendliche und ihr Weg ins Grauen“ belegen das. Auch die von Museumsleiterin Jennifer Stein beschriebene Provenienzforschung am Roentgen-Museum ist eine Folge der Horrorzeit, ebenso die vielen bedrückenden Soldatenfriedhöfe wie der bei Bruchhausen. Damit das Grauen nicht vergessen wird, gibt es Mahnmale: In Anhausen wird an jüdisches Leben und Kultur erinnert.
Im Jahresrückblick wird der Ereignisse und Persönlichkeiten von Juli 2025 bis Juni 2026 gedacht. Am Ende des Heimatjahrbuchs findet man „Lauda ahle Weerda“, die Anita Trostel in Erinnerung bringt, eine Liste heimatkundlicher Literatur einschließlich der modernen Heimat-Online-Datenbank, eines elektronischen Findebuchs des Kreismedienzentrums.
Das vom Landkreis Neuwied herausgegebene Heimatjahrbuch, ISBN 978-3-9829155-0-0, ist für zehn Euro im Buchhandel erhältlich. htv
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