Ein Ort schreibt Geschichte: Wie Oberbieber die Zukunft der Nahversorgung gestaltet
Von Wolfgang Tischler
Im Neuwieder Stadtteil Oberbieber hat die Zukunft des ländlichen Einkaufens am 23. Juni mit einem lauten Knall begonnen. Als die Konfettikanonen auf dem Parkplatz Am Zollhäuschen 1 explodierten, endete für die Menschen vor Ort eine lange Durststrecke.
Neuwied. Wo einst ein verlassener Supermarkt als stummer Zeuge des Einzelhandelsrückzugs stand, feierte die Gemeinschaft in Oberbieber die Eröffnung ihres neuen „Bieber-Marktes“ – einer modernen Tante Enso-Filiale.
Das Besondere an diesem Markt ist nicht nur seine Kombination aus digitaler Innovation und traditionellem Service, sondern seine genossenschaftliche Entstehungsgeschichte. Das Bremer Unternehmen „myEnso“ knüpft die Eröffnung seiner Filialen an eine strikte Bedingung: Mindestens 800 Bürger müssen vorab Genossenschaftsanteile im Wert von je 100 Euro zeichnen, um das wirtschaftliche Fundament zu sichern. Die Oberbieberer ließen sich das nicht zweimal sagen. Im Herbst starteten sie eine beispiellose Kampagne und mobilisierten am Ende mehr als 1.300 Teilhaber – ein bundesweiter Rekordwert.
Auf rund 445 Quadratmetern Verkaufsfläche bietet das neue „Einkaufszentrum“ Platz für rund 3.500 Artikel des täglichen Bedarfs, darunter auch viele Produkte regionaler Erzeuger aus dem Umkreis von 20 Kilometern. Um das Konzept eines vollwertigen Ortskern-Versorgers abzurunden, holte das Projektteam um die Eigentümer Lars und Rolf Löhmar zwei starke Partner mit ins Boot: Die Bäckerei Lutz und die Metzgerei Muscheid ergänzen das Angebot mit frischen Back- und Fleischwaren sowie einem angeschlossenen Café-Bereich, der den Markt wieder zu dem macht, was dem Ort so lange fehlte: ein sozialer Treffpunkt.
Ministerin Bätzing-Lichtenthäler nimmt Oberbieber in den Blick
Dass dieses Modell schon weit über die Grenzen Neuwieds hinaus Strahlkraft besitzt, bewies sich knapp sieben Wochen nach dem erfolgreichen Start. Am 13. August stand die Filiale im Rampenlicht der Landespolitik. Sabine Bätzing-Lichtenthäler, stellvertretende Ministerpräsidentin und Ministerin für Arbeit, Soziales, Frauen, Familie und Jugend des Landes Rheinland-Pfalz, besuchte den Markt. Vor Ort informierte sie sich gemeinsam mit Vertretern der Industrie- und Handelskammer (IHK), Neuwieds Oberbürgermeister Jan Einig sowie regionalen Landtagsabgeordneten über das wegweisende Projekt.
Norbert Hegmann, Geschäftsführer der ENSO eCommerce GmbH, stellte der Ministerdelegation das Konzept des hybriden Nahversorgers persönlich vor. An mehreren Tagen in der Woche ist der Markt zu festen Kernzeiten mit Personal besetzt. Wer jedoch außerhalb dieser Zeiten, mitten in der Nacht oder am Sonntag, frische Milch oder Grillgut benötigt, nutzt die kostenlose, digitale Tante-Enso-Karte. Sie gewährt rund um die Uhr (24/7) autonomen Zutritt über ein Self-Checkout-Kassensystem.
Das Ladenöffnungsgesetz auf dem Prüfstand
Der Besuch in Oberbieber hätte zeitlich kaum passender sein können. Im anschließenden intensiven Austausch mit Ministerin Bätzing-Lichtenthäler stand ein brandaktuelles Thema im Fokus: das offizielle Positionspapier für eine umfassende Reform des rheinland-pfälzischen Ladenöffnungsgesetzes, dessen politische Neugestaltung gerade erst begonnen hat.
Gegenstand der Diskussionen waren insbesondere die Zukunftsperspektiven und rechtlichen Rahmenbedingungen für personallose Kleinstsupermärkte. Während vollautomatisierte Verkaufsflächen bundesweit rechtlich immer wieder an starren Sonntagsverboten rütteln, zeigt das hybride Modell in Oberbieber, wie digitale Teilhabe und ländliche Nahversorgung Hand in Hand gehen können. Für die Landespolitik bietet das Praxisbeispiel „Am Zollhäuschen in Oberbieber“ wertvolle Impulse, um Gesetzestexte an die Lebenswirklichkeit des digitalen Zeitalters anzupassen.
Obwohl der erste Tag mit Musik und dichtem Gedränge ein voller Erfolg war, zeigt der hochrangige Besuch im August eines ganz deutlich: Der „Bieber-Markt“ ist längst kein reines Experiment mehr, sondern ein reales Vorzeigemodell dafür, wie moderne, ländliche Infrastruktur in ganz Rheinland-Pfalz künftig aussehen könnte. woti
Lokales: Neuwied & Umgebung
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