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Nachricht vom 15.07.2017 - 10:30 Uhr    

Konrad der Große – Die Adenauerzeit in Köln 1917 bis 1933

Konrad Adenauers Zeit als Oberbürgermeister von Köln, die den Grundstock legte für die spätere Kanzlerschaft, ist Thema des Begleitbandes zur gleichnamigen Ausstellung anlässlich des 100. Jahrestags der Einsetzung Adenauers als Kölner Oberbürgermeister. Diese Periode nahm 1933 ein abruptes Ende und Adenauer floh vor den Nazis aufs Land. Er war zweifellos in den zwanziger Jahren die prägende politische Figur des Rheinlands. Lese- und Ausstellungstipp.

Titel des Buchs. Foto: Verkag

Region. Herausgeberin Rita Wagner hat Fotodokumente und Beiträge gesammelt, die die „Adenauerzeit“ in Köln charakterisieren. Als Adenauer 1917 Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt wurde, herrschte in Preußen ein König und im Deutschen Reich ein Kaiser. Der Niederlage der Mittelmächte und der Abdankung des Kaisers folgten der Rückzug der Soldaten, den Adenauer in seiner Stadt organisierte und der Einmarsch britischer Besatzungstruppen. Mit diplomatischem Geschick und Pragmatismus regelte Adenauer das Zusammenleben und milderte Forderungen der Besatzer ab.

Die Jahre zwischen 1925 und 1929/30 gelten als die „Goldenen Zwanziger“. Die Briten verließen Ende Januar 1926 Köln. Adenauer nutzte visionär den Aufbruch in eine neue Zeit für die Verwirklichung etlicher Großprojekte. Mit seiner eigenen Stimme wurde Adenauer als Oberbürgermeister am 17. Dezember 1929 wiedergewählt, aber am 13. März 1933 von den Nazis seines Amtes enthoben. Er konnte sich seiner Verhaftung durch Flucht entziehen. Konrad Adenauers gleichnamiger Enkel erinnert sich, dass die Vertreibung für seinen Großvater ein Absturz aus höchsten Höhen war.

Er schreibt auch, dass die 20er Jahre beruflich und familiär erfolgreich waren. Nachdem Emma Adenauer sehr jung gestorben war und den Witwer mit drei kleinen Kindern zurückließ, heiratete dieser Gussie Zinsser und bekam mit ihr fünf weitere Kinder. Die Ehefrau, die selbst politisch interessiert war, „förderte warmherzig und lebensbejahend ein fröhliches, abwechslungsreiches Familienleben.“, stellt Irene Franken fest.

Die englische Besatzersicht auf die Rheinländer gibt das Bonmot wieder: „Of course, all Germans are impossible – except those with whom I happen to be: they are really quite decent folk.“ Dass das Zusammenleben relativ harmonisch ablief, war auch dem mäßigenden Agieren Adenauers, der gleichzeitig Bürgermeister und Vorsitzender des Wohlfahrtsausschusses war, zu danken.

Viele Zeitaspekte sind in dem Buch zusammengetragen. Günter Grosch berichtet von Notgeld und Inflation, die alle Kölner zu Millionären machten, die um ihr täglich Brot kämpfen mussten. Die St. Petersglocke des Kölner Doms, die bis heute größte freipendelnd läutbare Glocke der Welt wurde 1923 gegossen und 1924 von Kardinal Schulte als „die deutsche Friedensglocke“ bezeichnet. Ein Publikumsmagnet war 1925 die Kölner Jahrtausend-Ausstellung in den Deutzer Messehallen.

Philipp Hoffmann zeichnet das Bild des Politikers Adenauer, der „sanft und beharrlich – unterstützt durch Tricks und Überraschungsmomente – versuchte, Mehrheiten zu finden. Er war ein Netzwerker, der den Kölner Klüngel nutzte. „Adenauer konnte sich meist auf seinen Pragmatismus verlassen, wenn er die unterschiedlichen parteipolitischen Interessen zu entsprechenden Mehrheiten kanalisieren und für seine Pläne nutzen wollte. So gelang es ihm, der Stadt seinen Stempel aufzudrücken und durch zentrale Bauprojekte das Gesicht der Rheinmetropole nachhaltig zu formen: Deutzer Messe, Niehler Hafen, Grüngürtel und Müngersdorfer Stadion, Mülheimer Hängebrücke.“ Diese Großprojekte brachten die Stadtverwaltung in Finanznot. Adenauer setzte seine Interessen so autokratisch durch, dass ihm in der Stadtverordnetenversammlung von der Opposition Selbstherrlichkeit und Missachtung von Mehrheitsentscheidungen vorgeworfen wurde. Ein Beispiel ist der „Kölner Brückenstreit“, in dem Adenauer die wesentlich teurere Hängebrückenkonstruktion durchsetzte.

Da im Rückblick nur noch Adenauers Weitblick und Investitionen für Köln betrachtet werden, weist Thomas Deres darauf hin, dass es nicht nur Adenauer gab. Die Gemeindevertretung musste mitagieren und die Opposition – zum Beispiel in Person des Redakteurs und Führers der SPD in Köln, Wilhelm Sollmann – war wachsam und einflussreich.

Konrad Adenauer war von Beginn an ein außenpolitisch agierender Oberbürgermeister, wie Stefan Lewejohann in seinem Essay belegt, denn er plante, die Stadt zu einem europäischen wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum zu machen. Daher forcierte er die Neugründung der Universität, sie hatte „kulturelle Annäherung und europäisches Zusammenwachsen voranzutreiben und gleichzeitig ‚eine „Bastion der Kulturpolitischen Abwehr‘ gegenüber Frankreich zu bilden und Wahrer des Deutschtums am Rhein zu sein.“

Irene Franken betrachtet die Rolle der Frauen in der Weimarer Republik, unter dem vielsagenden Titel „Die kurze Freiheit“. Die Nazis machten den femininen Aktivitäten 1933 ein rabiates Ende. Mit der Berufstätigkeit der Frauen einher ging eine modische Entwicklung zur „neuen Frau“, die Johanna Cremer in dem interessanten Exkurs „Hängerkleid, Topfhut und Stresemann“ erläutert.

Beatrix Alexander stellt fest: „Das ambitionierteste Ausstellungsvorhaben der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Köln war…die Internationale Presse-Ausstellung, Pressa. Dafür wurde das Deutzer Messegelände von Adolf Abel grundlegend umgestaltet und ungefähr bis zur heutigen Zoobrücke erweitert.… Abel führt aus: „Mit dem Namen Pressa verbindet sich ein für Köln städtebaulich außerordentlich wichtiges Ereignis, nämlich das Uebergreifen der hauptsächlich linksrheinisch liegenden Stadt auf das rechte Rheinufer.“ Fünf Millionen Besucher sahen die Ausstellung. Doch es gab angesichts der hohen Kosten zeitgenössische Kritiker, die aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot „fragten, ob das Prestigeprojekt Adenauers neben friedlicher Völkerverständigung auch wirklich wirtschaftsfördernde Wirkung haben würde.“

Adenauer war von seinen Visionen immer vollends überzeugt und kündigte daher stolz an, er wollte allen Kölnern „den Zusammenhang mit der Natur wiedergeben.“ Und damit „für die Zukunft der Stadt Köln ein großes und nützliches für Jahrhunderte bedeutungsvolles Werk zu tun“. Gemeint war die im Versailler Vertrag geforderte Entfernung der Festigungsringe Kölns und die an deren Stelle von Adenauer durchgesetzten Grüngürtel, wie Henriette Meynen ausführt. Von diesem Grüngürtel und vielen anderen damals revolutionären Neuerungen profitiert Köln noch heute.

Nicht alle 28 interessanten Beiträge der 24 Autoren können benannt werden. Der Begleitband zur Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum vom 1. Juli bis zum 19. November 2017 umfasst 192 Seiten mit 181 Abbildungen. Erschienen ist das Buch im Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein, ISBN 978-3-961760-06-0. htv


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