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Nachricht vom 10.01.2017 - 17:20 Uhr    

Erinnerung: 120. Todestag von Amalie Raiffeisen

Am 11. Januar 1897 ist Amalie Justine Caroline Raiffeisen, die älteste Tochter des Sozialreformers und Genossenschaftsgründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Heddesdorf im Alter von 50 Jahren verstorben; sie ist auf dem dortigen Friedhof im Familiengrab bestattet worden. Geboren in Weyerbusch, war Amalie für den Vater des Genossenschaftswesens unersetzlich geworden und galt als Raiffeisens "Geheimsekretärin"

Die Raiffeisen-Grabstätte in Neuwied-Heddesdorf

Weyerbusch/Heddesdorf. Amalie Raiffeisen war als erstes Kind Raiffeisens und seiner Frau Emilie am 2. August 1846 in Weyerbusch geboren worden. Amalie Raiffeisen war eines der sieben Kinder der Familie Raiffeisen, drei dieser Kinder starben schon im Kleinkindalter. Raiffeisen legte großen Wert auf eine solide Ausbildung seiner Kinder, so besuchte Amalie nach der Volksschule die Höhere Töchterschule. Er legte aber ebenso großen Wert auf Übernahme familiärer Pflichten, zumal Raiffeisens Ehefrau große gesundheitliche Probleme hatte und schon 1863 starb.

Nach dem Tod der Mutter übernahm Amalie im Alter von 17 Jahren als älteste Tochter deren Aufgaben im Haushalt und bei der Erziehung der jüngeren Geschwister. Hinzukam, dass sich die Sehkraft von Raiffeisen selbst stark verschlechtert hatte und Amalie seine unersetzliche Unterstützerin beim Bearbeiten der Korrespondenz und der Akten wurde, was auch dadurch deutlich wird, dass Raiffeisen seine Tochter als seine „Geheimsekretärin“ bezeichnete. Wegen des Augenleidens wurde Raiffeisen am 21. September 1865 durch den Landrat in den Ruhestand versetzt. Aufgrund der kurzen Dienstzeiten erhielt Raiffeisen nur ein geringes Ruhegehalt, deswegen gründete er eine Zigarrenfabrik, die er aber nach kurzer Zeit wegen mangelnder Rentabilität wieder aufgab, und danach einen Weinhandel, der gut rentierlich geführt werden konnte.

Im täglichen Geschäft und bei seiner unermüdlichen Aufbauarbeit des Genossenschaftswesens war er auf die Hilfe von Amalie angewiesen. Die Erfahrungen, die Raiffeisen durch die Gründung verschiedener Darlehnskassenvereine und deren Vorläufer gemacht hatte, fasste er 1866 in seinem grundlegenden Buch „Die Darlehnskassenvereine als Mittel zur Abhilfe der Not der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“ zusammen, wobei auch bei der Erstellung des Buches sowohl der ersten Auflage wie der folgenden Auflagen Amalie ihn durchgängig unterstützen musste. Hinzukam, dass Raiffeisen selbst immer wieder in Kuraufenthalte musste, zumal er sich neben seiner insgesamt schwachen Konstitution auch noch in Neuwied eine Typhuserkrankung zugezogen hatte. Mehr und mehr wurde Amalie unersetzlich und zu einer wichtigen Säule beim Entstehen des Raiffeisenschen Genossenschaftsgebäudes.

Nach der Hochzeit mit seiner zweiten Frau, der Witwe Maria Penserot, im Jahre 1868 entlastete Raiffeisen zwar seine Tochter von Familienpflichten, für das Genossenschaftswesen und die eigenen Geschäfte blieb Amalie die „rechte Hand“ des Vaters. Es scheint historisch gesichert, dass Raiffeisen seiner Tochter die Ehe verwehrte, um sie nicht als vollwertige Kraft in seinem Lebenswerk zu verlieren. Der Raiffeisenmitarbeiter Martin Fassbender schreibt dazu: er stand ihrem eigen Lebensentwurf entgegen „in dem er die Ehe mit einem Manne, dem sie bis zum Grabe die Liebe bewahrt hat, verhinderte“.

In Briefen schreibt sie von ihrer Kinderliebe und dem Wunsch nach eigenen Kindern. Als am 15. Mai 1878 ihre Schwester Bertha heiratete und das elterliche Haus verließ, blieb Amalie mit ihrem Vater allein zurück. Die von Amalie zu erledigende Korrespondenz nahm weiter zu. 1881 war es ihr nicht möglich, wie in den Vorjahren ihre Verwandtschaft zu besuchen. In einem Brief an ihre Schwester Caroline beschwerte sie sich im November 1881 darüber, dass ihr die Arbeit immer schwerer falle, sie dauerhaft übermüdet sei und ihre ganze Kraft beanspruche.

F.W. Raiffeisen beschrieb sie 1884 in einem Brief, als seine „kräftige, liebevolle Stütze, als seine Beraterin bei Sorgen und Mühen aller Art und als sein Trost in trüben Zeiten, deren Leben sein Herz mit Dank gegenüber Gott und auch ihr gegenüber erfülle.“ Das Programm zur Feier des 40. Geburtstages, die Raiffeisen für seine Tochter ausrichtete, ist erhalten und zeigt, wie sehr Raiffeisen seine Tochter schätzte.

Plötzlich und unerwartet verstarb Raiffeisen am 11. März 1888. Von seinem Privatbesitz erbte Amalie 7/24 des Erbes und als Vorausvermächtnis für ihre zwanzig Jahre lang geleisteten Dienste das gesamte bewegliche Inventar des Hauses sowie zwei Lebensversicherungen im Wert von jeweils 1000 Talern. Nach dem Tod ihres Vaters sortierte sie dessen Korrespondenz, soweit sie sich in ihrem Besitz befand. Einen kleinen Teil davon stellte sie Martin Faßbender zur Verfügung, während sie den größten Teil verbrannte. Ob sie nach dem Tod des Vaters weiter als Sekretärin und Schreibkraft arbeitete, ist nicht bekannt. Sie blieb allerdings bis an ihr Lebensende Teilhaberin der letzten väterlichen Firma „Raiffeisen & Cons“ und war von 1892 an das letzte Mitglied der Familie, das Anteile am Unternehmen ihres Vaters besaß.

Amalie lebte bis zu ihrem Tod am 11. Januar 1897 in Heddesdorf. Mit ihrem Tod schied der letzte Angehörige der Familie Raiffeisen aus der Genossenschaftsorganisation aus. Sie wurde auf dem alten Friedhof Heddesdorf im selben Grab wie ihr Vater beerdigt. Amalie Raiffeisen hatte 1872 das Preußische Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen erhalten.
Josef Zolk


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