Werbung

Nachricht vom 10.11.2013 - 22:21 Uhr    

Gedenken an die Reichspogromnacht in Puderbach

Das Theaterensemble „Theattraktion“ gedachte in einer szenischen Lesung der Pogromnacht in Puderbach vor 75 Jahren. Die Texte zeigten, dass Judenhass und Judenverfolgung sich seit dem tausendjährigen Römischen Reich durch die Jahrhunderte zog.

Die Vorträge der Theattraktion wurden mit Bildern und Titeln verdeutlicht. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Puderbach. Bereits im Jahr 70 nach Christus, dem Jahr der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, fand in Caesarea Judenmord statt. Im tausendjährigen Deutschen Reich waren Juden in Puderbach betroffen. Die Schauspieler zitierten Tacitus aus dem Jahr 100 n. Chr., der eine in Ägypten ausgebrochene Seuche dem verheerenden Einfluss der Juden zuschrieb und forderte, „Die Juden, das den Göttern verhasste Menschengeschlecht, in andere Länder zu treiben.“ So wurden sie unter Führung von Moses in die Wüste geschickt.

Nicht nur die Römer agitierten gegen Juden. 1298 behauptete ein Ritter namens Rindfleisch, die Juden hätten Hostien geschändet und er habe den göttlichen Befehl erhalten, die Juden zu vernichten.

In Deggendorf galten solche Vorwürfe gegen die Juden bis 1992. Erst dann wurde die „Deggendorfer Gnad“, eine judenfeindliche Wallfahrt, abgeschafft. Im Jahr 1543 verkündete Martin Luther sieben Vorschläge, wie mit den Juden zu verfahren sei mit dem Fazit: Immer weg mit ihnen! Die Brüder Grimm schrieben 1816 über „Das von den Juden getötete Mägdlein“.

Die Verleumdung, Juden seien Kinderblutsäufer, ist inzwischen in den islamischen Antisemitismus eingedrungen. Im Römischen Reich, im Mittelalter und im Nationalsozialismus gab der Judenhass Gelegenheit, sich an der Minderheit zu bereichern und Schulden los zu werden.

Im 19. Jahrhundert verwandelte sich der religiös-kulturelle Antisemitismus in genetisch-populistischen Rassenhass. Wilhelm Buschs „Schmulchen Schievelbeiner“ aus „Plisch und Plum“ von 1882 wurde exemplarisch zitiert.

Hitler verschlang sozial-darwinistische Broschüren. Seine Anprangerung des Juden als geistiger Teufel gipfelte in der Pogromnacht vor 75 Jahren, in der in ganz Deutschland, so auch in Puderbach, Synagogen geplündert und angezündet wurden und Juden verschleppt wurden.

Im Alten Bahnhof zeigte eine kleine Ausstellung mit Dokumenten auf einem Ortsplan, wo einst die Häuser der jüdischen Mitbürger und ihre Synagoge gestanden hatten. Die Neuwieder Zeitung hatte am 9. August 1911 über deren Einweihung berichtet.

Der Gemeinderat Puderbach fasste am 7. September 1936 eine weitreichende Entschließung. Aus der Erkenntnis „Die Juden sind unser Unglück“ beschloss der damalige Puderbacher Gemeinderat unter Bürgermeister Schäfer unter anderem:

- Der Zuzug von Juden wird hiermit untersagt.
- Gemeindeaufträge werden nicht an solche Volksgenossen vergeben, die ihre Einkäufe bei Juden tätigen oder mit diesen Verkehr pflegen.
- Beamte, Angestellte und Arbeiter, die im Dienst der Gemeinde stehen, dürfen bei Juden nicht kaufen oder mit diesen Verkehr pflegen.

Mehrere Familien mit Namen „Wolff“ waren vor dem zweiten Weltkrieg in Puderbach zu Hause. So auch die Schriftstellerin Lotte Wolff, die in ihren Erinnerungen von dem Tag erzählt, an dem ihr Vater abgeholt wurde. Ein Haus stand in Flammen, die Synagoge. Lotte und ihre Mutter hörten, der Vater sei in Dachau. Das Kind war damals neun Jahre alt. Jüdische Bürger Puderbachs wurden in Köln gesammelt und in Lager verbracht: Theresienstadt war für viele Juden die erste Station auf ihrer Reise in den Tod. Im Grauen des Lagers komponierte Ilse Weber Lieder. „Theresienstadt“ wurde im Alten Bahnhof vorgetragen. Ebenso am Ende des Abends ihr Hoffnungslied: „Vertraue der Zukunft, verlier nicht den Mut. Die Welt wird wieder zum Garten….Denn alles wird gut.“

Die Akteure des Theattraktion zitierten Meldungen von Angriffen auf Synagogen, jüdische Friedhöfe und Menschen weltweit, die belegen, dass der Judenwahn und -hass heute noch nicht erloschen ist. In arabischen Ländern ist Antipropaganda alltäglich. Auch in Deutschland schwelt Judenfeindlichkeit weiter fort in etwa einem Viertel der Bevölkerung.

Dr. Martin Henn beendete den erschütternden Abend mit dem Appell, nicht wegzusehen und nicht zu schweigen, wenn Menschen verleumdet und verfolgt werden. Auf den Gesichtern der über 50 Besucher zeigte sich Betroffenheit und Nachdenklichkeit. Vor der Tür wurde noch über Stolpersteine in Puderbach diskutiert. Helmi Tischler-Venter

---
Jetzt Fan der NR-Kurier.de Lokalausgabe Puderbach auf Facebook werden!

Weitere Bilder (für eine größere Ansicht klicken Sie bitte auf eines der Bilder):
   


Kommentare zu: Gedenken an die Reichspogromnacht in Puderbach

Es sind leider keine Kommentare vorhanden


Aktuelle Artikel aus der Region


„Jedem sayn Tal“ feierte 25-jähriges Jubiläum

Selters. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in Selters die Nachricht, dass Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ...

Unfall auf der L 259

Neuwied. Am Samstag, 16. Juni, um 11:05 Uhr kam es auf der L 259 (Mittelweg) zwischen den Ortsteilen Heimbach-Weis und Block ...

SGD Nord: Dialog zum Schutz von Wiesenbrütern im Westerwald

Region. Gastreferent Professor Dr. Klaus Fischer von der Universität Koblenz-Landau informierte in seinem Vortrag über aktuelle ...

Den Alten Friedhof umgibt Geheimnisvolles

Neuwied. Viele über die Grenzen Neuwieds bekannte Familien haben auf dem Alten Friedhof ihre letzten Ruhestätten gefunden. ...

Streit in Neuwieder Gaststätte

Neuwied. Zwei junge Männer (26 und 22 Jahre alt), gerieten am Freitagabend, 15. Juni, 20:08 Uhr mit einem anderen Besucher ...

Kind auf Spielplatz in Linz sexuell belästigt

Linz. Während des Gesprächs kam der Mann immer näher an das Kind heran und streichelte es an Armen und Beinen. Das Mädchen ...

Weitere Artikel


Marcel Baun bei Karate Weltmeisterschaft im Viertelfinale

Guadalajara/Spanien. Zunächst sah alles im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Spanien nach einem Sieg für Marcel aus, ...

Über 41 Jahre im Dienst für die Jugendfeuerwehr

Neuwied. Ein spannender Abend für die Jugendfeuerwehren im Landkreis Neuwied. Neben den Delegierten der Jugendfeuerwehren ...

SG Wienau/Marienhausen siegte in Thalhausen

Thalhausen. Bis zur Halbzeitpause konnte der Gastgeber noch ein 0-0 halten, da die Mannschaft von Wienau/Marienhausen ihre ...

Lars Ruth kommt nach Neuwied

Neuwied. In Klassikern der Literatur spürt Lars Ruth den Visionen und Träumen der Autoren nach und fasziniert sein Publikum ...

Der Reichspogromnacht gedacht

Kreis Neuwied. Am gestrigen Abend kamen im Kreis Neuwied an vielen Ort Menschen zusammen, um der Reichspogromnacht vor 75 ...

Martinszug in Muscheid

Muscheid. Bei tollem Wetter fanden wieder sehr viele Kinder mit ihren Eltern und Angehörigen den Weg nach Muscheid. Neben ...

Werbung